Das digitale 33-Tage-Experiment – Teil 2: den Anfang finden

Weniger im Internetsurfen – aber wie genau?

Social Media mit dazugehörigen Apps habe ich ja schon mal nicht, Onlinespiele sind auch nicht mein Ding. Das erspart mir einiges. Bei mir läuft alles Wichtige über den Browser. Entsprechend lange (zu lange) war dieser Browser bislang täglich geöffnet. Aber wie fange ich nun an mit dem Reduzieren? Ganz weglassen? Nur zu bestimmten Uhrzeiten? Oder maximale Gesamtzeit pro Tag? Da gibt es ja endlos viele Möglichkeiten. Ein paar Eindrücke von den ersten Tagen:

Der chaotische Einstieg

Die digitalen Apfelgeräte haben eine sog. Bildschirmzeit-Funktion (vergleichbar dem Wellbeing bei Android) Da lässt sich ganz einfach die Zeit erfassen und begrenzen. Wie praktisch, dachte ich, das probiere ich doch einfach mal aus. Aber als ich mir diese Bildschirmzeit anschaute, waren da gefühlt tausend Einstellmöglichkeiten samt 4-stelligem Code und sonstwas. Ich habe erstmal ewig rum gesucht, dies eingestellt, das eingestellt, ausprobiert, verworfen, neu ausprobiert. Die ganze Bildschirmzeit mehrfach komplett wieder gelöscht und neu eingerichtet. Da gibts dann ja auch noch andere Apps mit ähnlichen Funktionen, die man ausprobieren kann, ob die besser sind…? Nein, nicht wirklich. Chaotisch! So läufts schonmal nicht mit dem Abbau der digitalen Überreizung. Das Surfen mit dem Browser reduzierte sich praktischerweise aber genau dadurch von alleine. Immerhin 😉

Welche Alternativen gibts für den Anfang?

Genau genommen war ich aber schon an dem entscheidenden Punkt: Ein Problem an den digitalen Welten ist, dass man sehr schnell auf die vielen äußeren Reize reagiert. Ich suche eine Einstellung bei der Bildschirmzeit und entdecke alle möglichen Einstellungen und verliere mich darin. Oder vielleicht suche ich eine einzelne Information im Web und bekomme automatisch auch noch mindestens 20 weitere Vorschläge von allen möglichen Themen, die ich gar nicht suche. Allerdings springen sie sofort ins Auge und schon ist man bei diesem „Kick beim Klick“… Die Frage war aber immer noch: Wie begrenze ich das?

Vorgegebene Lösungen nutzen?

Ich überlegte nach den ersten chaotischen Anfängen, ob es nicht einfacher ist, irgendein vorgegebenes Verfahren zu nutzen. Es gibt genügend Lösungen, die überall zu finden sind. Meistens bestehen sie darin, das Smartphone für einen gewissen Zeitraum komplett auszustellen. Aber auf meinem Smartphone befinden sich Apps, auf die ich nicht eine längere Zeit verzichten kann oder will, so z.B. der TAN-Generator der Bank, die Corona-App, das 9-Euro-Ticket. Und: Das Smartphone ist eh nicht so mein Thema. Das Teil hat gerade mal ein 4,7 Zoll-Display und ist somit nicht sonderlich komfortabel.

Problemfaktor Tablet

Das iPad ist bei mir eher das Gerät, wo ich mich schnell darin verlieren kann: Schön bunt, schön schnell, super bequem. Viel Denken muss man bei einem solchen Gerät auch nicht… Ruckzuck angestellt, ruckzuck im Internet. Das macht das Klicken so richtig schön einfach. Das Display ist gestochen scharf, die Icons extrem bunt und springen gut sichtbar ins Auge. Eine zusätzliche, externe Tastatur macht die Nutzung dieses Gerätes noch komfortabler. Wäre es besser, ein anderes Gerät zu nutzen? Würde ich beispielsweise irgendeinen komplett unattraktiven Laptop nutzen, wäre alles etwas umständlicher, nicht so ansprechend, aber spätestens wenn ich online unterwegs bin, lande ich ja beim gleichen ablenkenden Überangebot. Das ist also auch nicht mal so eben eine schnelle Lösung. Ich habe daher erstmal einfach nur den iPad-Desktop etwas uninteressanter gemacht, den Dunkel-Modus aktiviert, nur die wichtigsten Offline-Programme befinden sich unten im Dock. Für alles andere muss ich erstmal die App-Mediathek durchsuchen – kleine Hürden als Denkpausen…

Screenshot des iPad Desktops - schwarzer Hintergrund, unten 4 Apps
Mein aktueller Tablet-Desktop

 

Meine aktuelle Online-Lösung

Letztlich ist es jetzt so, dass ich die Bildschirmzeit inzwischen wieder aktiviert habe. Es ist so bequemer, den Überblick über die eigenen Onlinezeiten zu behalten. Die tägliche Onlinezeit mit dem Webbrowser habe ich auf 2 Stunden täglich festgelegt. Das hatte ich eigentlich schon von Anfang so überlegt. Es hat aber rund 5 Tage gedauert, bis ich nach endlosen Experimenten und Umstellungen endlich bei dieser Lösung für mein digitales Minimalismus-Experiment gekommen bin. Manches braucht halt seine Zeit… Die YouTube-Webseite bleibt bis Ende August blockiert. Dort ist bei mir am ehesten so etwas wie ein mögliches Suchtpotential erkennbar. Mal eine zeitlang komplett ohne Youtube zu leben funktioniert zu meiner Verwunderung bislang erstaunlich gut. Da fehlt nicht wirklich etwas. Das wundert mich dann schon.

Was ich jetzt besonders genieße

Bei allen Schwierigkeiten gerade zu Beginn, habe ich wieder mehr die Offlinezeiten genossen. Erstaunlich schnell bin ich bei achtsamen Elementen im Tagesablauf gelandet. Rund 12 Jahre Meditation und Achtsamkeit macht sich an der Stelle dann doch sehr hilfreich bemerkbar. Der Unterschied ist, dass es jetzt quasi wie aus mir heraus fließt und ich mir die Alltagsachtsamkeit nicht erst vornehmen muss. So beispielsweise der achtsame Genuss der morgendlichen Tasse Kaffee mit dem Blick auf die grünen Bäume im Innenhof mit den sich ändernden Lichtverhältnissen – ganz ohne digitale Störfeuer. Es ist ein Genuss, den ich eine zeitlang völlig aus dem Blick verloren und nun wieder entdeckt habe.

Blick aus dem Küchenfenster auf grüne Bäume

Ähnlich geht es mir mit anderen Bereichen. Den Weg zur Arbeit nutze ich zum Glück schon sehr lange, indem ich bewusst das Privathandy bereits ausgestellt habe, das Dienstgerät aber noch nicht an ist. Achtsames Gehen als bewusster Übergang zwischen Privat- und Arbeitsleben ist sehr wohltuend. Auch unterwegs, wie z.B. an der U-Bahnhaltestelle, im Wartezimmer beim Arzt etc. achte ich darauf, möglichst offline zu bleiben und das Handy in der Tasche zu lassen. Ich nutze so etwas als kleine Achtsamkeitsübungen im Alltag. Das mobile Internet stelle ich nur für bestimmte Situationen und Gelegenheiten an.

Solche kleinen Offline-Zeiten sind anfangs ungewohnt, insbesondere, wo fast alle Menschen drum herum auf ihre Smartphones starren, klicken, wischen, tippen. Es ist dann allerdings auch ganz interessant, diese Wisch-Klick-Tipperei einfach mal nur zu beobachten… Irgendwann spürt man dann aber auch, wie erholsam solche Zeiten werden, wenn nicht ständig irgend etwas Neues passiert, blinkt, piept, ploppt oder unaufhörlich „kauf mich“ schreit. Für mich sind es die kleinen, achtsamen Offline-Inseln im Alltag. Manche nennen so etwas passend „the joy of missing out“ (statt des bekannten „fear of missing out.“)

Ich gehe bei diesem Thema prozessorientiert vor, so dass ich die genauen nächsten Schritt auch noch nicht weiß. Mit dem endgültigen Tracken der Bildschirmzeit habe ich erst am letzten Donnerstag begonnen. Davon und wie ich diese Zeit mit allem Auf und Ab erlebe, berichte ich, wenn mal eine Woche dieser augfgezeichneten Zeit herum ist – also vermutlich irgendwann Mittwoch oder Donnerstag.

 

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20 thoughts on “Das digitale 33-Tage-Experiment – Teil 2: den Anfang finden

  1. Ich bin der Meinung, dass der Griff zum Smartphone oft auch als eine Art „Übersprungshandlung“ gewertet werden kann. Menschen möchten sich einer Situation entziehen, die sich für die betreffende Person gerade nicht gut anfühlt. Bspw. einem Streit entgehen, unangenehme Stille überbrücken etc. Vielleicht liege ich auch falsch mit meiner Vermutung, aber das konnte ich tatsächlich des Öfteren so beobachten.

    1. Ja, Langeweile und Zeitvertreib fällt mir da auch noch ein. Vermutlich gibt es da eine ganze Galerie an unterschiedlichen Gründen, warum Menschen öfter auf ihre Smartphone schauen, als es eigentlich gesund für sie wäre.

  2. Wenn der Bildschirm in der Schwarz-Weiß Einstellung läuft, verlieren bunte Werbebanner und Icons einen Teil ihrer aufdringlichen Wirkung. Interessanterweise verbreitet sich die Schwarz-Weiß Einstellung auf Bildschirmen zur Zeit in den Firmen im Silicon Valley, USA.

    1. Monochrom war lange bei seriösem Arbeiten vorherrschend, die monochromen Bildschirme hatten einen besseren Kontrast und eine bessere Auflösung.

    2. Bei meinen Geräten kann man das über die Software einstellen – wird aber zu einer eher grauen Mischmaschmatsche. Ich erkenne dann nur noch sehr wenig. Schade, wäre eine schöne Sache

        1. Oh allerdings nicht, damit könnte man in dem Fall kaum arbeiten.
          Ha, bei mir war jahrelang noch die Frage: „Normaler“ Schwarzweiß-Fernseher oder Buntfernsehen? Völlig verrückt sowas.

  3. Die Leute beobachten wie sie alle auf ihre Smartphones starren, ist immer sehr amüsant. Ich bin ja nach wie vor ohne unterwegs, ich hab nur ein einfaches Handy ohne INet. Am IPad hab ich auch unterwegs INet, aber das schleppe ich nur mit wenn ich weiß ich muss da was drauf schauen 🙂 und das kommt selten vor.
    So fällt bei mir unterwegs die INet Zeit komplett weg und ich beauch nur zuhaus drauf achten, nicht zu viel zu tüddeln.

    1. Haargenau die Variante habe ich auch sehr lange überlegt und auch eine zeitlang genutzt. Leider reicht in meinem Fall das Hörvermögen für die normalen Handys nicht aus, auch nicht diese speziellen für Schwerhörige (die sind total gurkig). Das Obstphone funktionierte da mit Abstand am besten. Aber mit normalem Gehör ist das auch eine gute Alternative, wenn man eh ein Tablet hat. So oft braucht man das Handy ja eh nicht.

  4. Was sind denn meine Strategien?
    Morgens bis … Uhr Geräte aufladen und nicht ins Netz gehen.
    Ein medienfreies Zimmer.
    Nur zielgerichtete Dinge im Netz tun.
    Was bringt es mir kurzfristig/langfristig xyz zu konsumieren?
    Was könnte ich stattdessen tun? Was bringt es mir kurzfristig/langfristig?

    1. Oh medienfreies Zimmer – das ist eine schöne Idee. Zielgerichtet im Netz: Ja, das wäre dann wohl sowas wieder der Traumzustand bei mir – sich nicht ablenken lassen.

      1. Ich merke beim Emailfach die Clickbait Katastrophennachrichten, die vermehrt vom Anbieter eingeblendet werden. Erst hab ich das alles noch schneller gelesen. Jetzt will ich es gar nicht mehr zu lesen. Denn ich kann das Weltgeschehen nicht beeinflussen, verbessern. Es zieht eine*n nur runter.

        1. Ja genau das tun sie. Und mit kaum etwas wird aktuell so gutes Geld verdient, wie mit schlechten Nachrichten.

          Ich lese da gerade passend so ein Buch von Maren Urner zu genau dem Thema: Titel: Schluss mit dem täglichen Weltuntergang. Untertitel: Wie wir uns gegen die digitale Vermüllung unserer Gehirne wehren.

    1. Bis dahin ist ja zum Glück noch einige Zeit. Irgendwann wird die geringere Nutzung der Digitalgeräte ja auch ein Stück Gewöhnung. Tee und Kaffee schmecken ja z.B. durchaus auch ohne Handy

  5. Es ist wirklich traurig, seine Mitmenschen zu beobachten, wie sie alle auf ihre kleinen Bildschirme starren. Manchmal fühle ich mich dabei wie ein Alien, wenn außer mir keiner die Umgebung wahrnimmt. Und all diese Menschen behaupten steif und fest „ich bin nicht süchtig“. Manche schaffen es nicht mal beim Spaziergang im Wald den Blick vom Handy zu lösen. So wie du es machst – einfach mal die Natur beobachten oder Wartezeiten bewusst als Auszeit nutzen – sollten wir es alle wieder lernen!

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