Das Berufsleben entrümpeln

Viel zu viel

Rückblickend bin ich jahrelang  „auf viel zu hoher Betriebstemperatur“ gelaufen. Der Tag war immer angefüllt mit irgendwas. Über lange Zeit war dies insbesondere die lange Pendelstrecke zur Arbeit in Kombination mit zunehmender Arbeitsverdichtung im Sozialbereich. Alles in allem war ich immer rund 12 – 13 Stunden täglich unterwegs. Dann noch Einkauf, Haushalt, ein bisschen Zeit für Hobby, Partnerschaft, Freundschaften, Freizeit. Wirklich zur Ruhe gekommen bin ich nicht. Als dann auch noch privat immer wieder diverse Probleme mit Vermietern, lärmenden Nachbarn etc. hinzu kamen, war mir endgültig klar, dass sich etwas ändern muss. Es war Zeit, nicht nur Wohnung, sondern auch mein Berufsleben zu entrümpeln.

Achtsamkeit als „Pausenknopf“

Ich begann zu meditieren. Dieser Einstieg in die Achtsamkeitspraxis war nichts anderes, als das regelmäßige und konsequente Betätigen eines Pausenknopfes – die ständige Betriebsamkeit runter fahren, anhalten, Zwischenstopp, durchatmen: Was mache ich da eigentlich…?

Genau so nutze ich die Achtsamkeit bis heute: Sie ist mein persönlicher Pausenknopf, aktives Nicht-Tun, bewusstes Wahrnehmen, ohne gleich in den nächsten Aktionismus zu verfallen.

Raus aus dem Teufelskreis

Minimalismus war die praktische Grundlage, um aus dem ungesunden Teufelskreis von Arbeit und Konsum herauszufinden. Erst einmal das Konsumieren nicht mehr als Stressausgleich nutzen, dazu hatte ich ja nun andere Wege. Dann ging es für mich um freie Räume, freie Zeiten, Ruhezonen, weniger Dinge genießen, aufatmen.

Ich war Anfang 50, als noch mal den Arbeitgeber gewechselt habe. Wenige Jahre später bin ich in eine kleine Wohnung gezogen. Nun waren es nur noch ca. 10-15 Minuten Fußweg zur Arbeit, ÖPNV und Lebensmittelgeschäfte befanden sich in Wohnungsnähe. Das ermöglichte mir den Verzicht auf das Auto und so konnte ich mir 2016 erlauben, meine Arbeitszeit auf 50% zu reduzieren.

Die Reißleine ziehen

Das Entrümpeln meines Berufslebens war letztlich das Ziehen einer Reißleine. Auch heute mit Halbtagsstelle fühle ich mich nach all den vielen Berufsjahren oft „platt“. Hätte ich nichts grundlegend verändert, säße ich vermutlich schon seit Jahren erwerbsunfähig und demotiviert Zuhause.

Wenn in der Öffentlichkeit mal wieder über einen späteren Einstieg ins Rentenleben diskutiert wird, kann ich inzwischen nur noch müde lächeln – dazu müsste die Arbeitswelt erstmal so sein, dass es annähernd realistisch ist, es überhaupt bis dahin zu schaffen.

Ich bin schon froh, wenn es mir gelingt, zunächst mal die 63-Jahres-Grenze zu erreichen. Ich mag meinen Beruf als solchen immer noch sehr. Wirklich belastend sind letztlich die weiterhin stets schwieriger werdenden Arbeitsbedingungen, der ewige und permanente Zeit- und Kostendruck. Sozialarbeit im Akkord und das über Jahrzehnte, funktioniert nun mal nicht, ohne, dass es irgendwann zu gravierenderen Problemen auf allen Seiten kommt.

Den Kopf frei bekommen

Hat Achtsamkeit meinen Blick geschärft, so ist es der Minimalismus, der mir hilft, innerlich unabhängiger zu werden und mich an meinem wirklichen Bedarf zu orientieren. Das macht nicht nur die Wohnung frei, sondern vor allem den Kopf und das scheint mir der viel entscheidendere Aspekt zu sein.

Veränderungen schaffen

Wer sich fragt, wie berufliche Veränderungen im eigenen Leben funktionieren können, so kann ich von mir sagen, dass es insbesondere die Hebel Zeit und Konsum sind, die ich verändert habe. Mehr Zeit, weniger Ablenkung und reduzierter Konsum schaffen mehr Ruhe und irgendwann Klarheit im Kopf für mögliche Lösungen:

  • Zeitinseln schaffen, zur Ruhe kommen
  • Aktivitäten, Konsum-, Termin- und Medienablenkungen runterfahren
  • Konzentriere deinen Besitz auf die wirklich wichtigen Dinge
  • Verzichte auf unnötigen Konsumplunder und mache dich damit etwas unabhängiger vom Erwerbseinkommen
  • Träume nicht von großen, idealen Lösungen. Schaffe Fakten und seien sie anfangs noch so klein.
  • Ausdauer: Ohne dranbleiben, ohne kleine Schritte geht nichts.

 

Zum Weiterlesen:

 

Blick vom Balkon auf gelblich gefärbte Herbstbäume
Foto: Vera Dohmann

 

 

39 thoughts on “Das Berufsleben entrümpeln

  1. Liebe Gabi,

    danke für diesen Beitrag! Wir haben unsere Jobleben auch entschlackt und uns Jobs gesucht, die uns finanziell ein gutes Leben ermöglichen, gleichzeitig aber auch viel Zeit für die Familie ermöglichen.

    Ich bin auch Sozialarbeiterin und das ist auch der Grund, warum ich dir unbedingt auf deinen Beitrag antworten muss. Wenn ich mir meine Arbeitsbedingungen ansehe: Ich verdiene gutes Geld (gehöre wohl zu den gutverdienenden Sozialarbeitenden) und bin im Rahmen der Möglichkeiten flexibel etc. Wenn ein Kind krank ist, kann ich fahren, wenn ich mal früher gehen muss, ist das kein Beinbruch (kommt aber alles Gott sei Dank nur selten vor). Alles sehr wichtig für mich. Das kann mir in dieser Kombination wahrscheinlich kaum ein anderer Arbeitgeber geben.

    Wenn ich aber dann denke, wie viel in meiner Arbeitszeit eigentlich arbeite, wird mir übel. Es gab Tage, da kam ich nachmittags um halb drei das erste Mal dazu, zur Toilette zu gehen. Mittagspause mache ich sowieso nicht und das Frühstück wurde zwischendurch gegessen, wenn überhaupt. Das war wirklich Akkordarbeit. Als ich merkte, wie stark ich auf dem Zahnfleisch gehe, habe ich die Reissleine gezogen. Eine Mittagspause mache ich immer noch nicht (die brauche ich auch nicht), aber ich nehme mir zwischendurch kleinere Pause, um mal durchzuatmen und in Ruhe zu essen. Außerdem packe ich meinen Terminkalender nicht mehr so voll und nehme mir bewusst Bürozeiten, um Bürosachen auch im Büro und nicht zu Hause abzuarbeiten. So lange, wie mir meine Arbeit so viel Freude bereitet, ist das auch in Ordnung für mich.

    Ich bin eine Alleinkämpferin und sehne mir ein/e Kolleg:in herbei. Meine Arbeit ist alleine nicht zu schaffen. Trotzdem achte ich jetzt auf meine Grenzen und dann muss man halt ein paar Tage, manchmal auch eine Woche, auf einen Termin/ein Gespräch warten (der Sinn meiner Arbeit ist eigentlich: Komm her, ich habe Zeit für dich, zeitnah, am besten direkt). Ich kann es nicht ändern. Das ist nichts, was ich so möchte, aber anders ist es nicht mehr zu machen. Es bringt niemanden was, wenn ich wegen Burn Out ausfalle. Ich mache das aber auch vor meinem Chef und Kolleg:innen transparent. Denn wenn ich immer alles auffange, wird nichts deutlich.

    Derzeit setze ich mich dafür ein, eine/n Kolleg:in zu bekommen. Aber es scheitert, wie immer, am Geld im sozialen Bereichen. All meine anderen Kolleg:innen aus einer anderen Profession sehen den Bedarf, jedoch der Geldgeber nicht.
    Wenigstens bekomme ich Unterstützung durch eine Semesterpraktikantin und eine Bundesfreiwilligendienstlerin. Das entlastet schon mal etwas. Ist aber natürlich kein Vergleich mit einer ausgebildeten Fachkraft – und halt unsicher.
    Und leider habe ich das Gefühl, dass gar nicht gesehen wird, was wir Sozialarbeitende eigentlich leisten und machen. Das macht mich manchmal traurig.

    Mal sehen, wie lange ich noch diese Stundenanzahl arbeite. Mein Mann wird einige Jahre früher als ich in Rente gehen. Spätestens dann möchte ich nur noch einige Stunden arbeiten und die Zeit mit ihm und Reisen verbringen. Aber bis dahin muss ich erst mal kommen. 😉

    1. Hallo Jani, wirklich leider fast ein Klassiker: Arbeitsverdichtung und man wird nie fertig. Zuviel Arbeit, zu wenig Personal. Und im Sozialbereich hat man mit Menschen, deren Schicksalen, Nöten und Problemen zutun, eben nicht mit Produkten oder Maschinen.

  2. Hallo Gabi,

    dein Beitrag bringt es auf den Punkt und das Thema ist so wichtig! Ich hatte vor ein paar Jahren während des Studiums einen Punkt erreicht, an dem mir alles zu viel wurde: Studium, Selbstständigkeit, ehrenamtliche Tätigkeiten, Privatprojekte, hier noch bei einem Projekt anderer helfen. Letztlich ist alles kollabiert und ich habe gemerkt, dass es so nicht weitergehen kann.

    Trotzdem stelle ich immer wieder fest, dass Menschen gibt – und da schließe ich mich ein –, die einen Hang dazu haben, sich zu viel aufzubürden. Genauer betrachtet wird es uns sogar antrainiert: Schon als Kinder lernen wir, dass wir fleißig sein sollen. In der Schule bekommen wir beigebracht, wie wichtig es ist, sich reinzuhängen und Leistung zu bringen, andernfalls spüren wir die Konsequenzen, die auch unser weiteres Leben vorherbestimmen. Eigentlich sollte ein Studium auch eine Vollzeit-Tätigkeit sein, doch viele können es sich nicht leisten, weshalb sie nebenher noch arbeiten. Damit werden doch schon die Grundsteine für Burnout gelegt.

    Ich weiß nicht, wie es mittlerweile ist, aber bei uns gab es in der Schule nie Unterricht darüber, wie man richtig mit Stress umgehen und ihn reduzieren kann. Und wenn die Einblicke, die ich von meinen jüngeren Cousins und Cousinen erhalte, zeigen mir eher, dass heute noch mehr Druck in der Schule aufgebaut wird als bei uns damals.

    Lieber Gruß
    Philipp

    1. Den Druck, der bereits oft schon in den frühen Schuljahren aufgebaut wird, finde ich auch sehr hoch – vermutlich von allen Seiten: ehrgeizigen Eltern, den Lehrern, dem Schulsystem als solches. Der Druck, sich möglichst leistungsorientiert, angepasst und stromlinienförmig zu verhalten, ist aus meiner Sicht sehr viel höher geworden. Bei dem, was ich in den 70-ger Jahren mit Lehrern wild diskutiert habe, bekäme ich heute Klassenbucheinträge, Klassenkonferenzen – und ich war eigentlich eher der ruhige Typ…

      Vor einiger Zeit konnte ich mir das Buch „rich dad, poor dad“ ausleihen. 2 Dinge sind mir (vereinfacht formuliert) hängen geblieben: Zahle als Unternehmen gerade so viel bzw. wenig, dass die Angestellten nicht kündigen (es sei denn, du willst sie eh loswerden….) und reich werden solche Investoren u.a. sehr komfortabel damit, dass (mindestens durchschnittlich oder besser verdienende) Menschen sich mit Konsum-, Hypotheken- und sonstwas Krediten hoch verschulden. D.h. Geld ausgeben, was eigentlich noch nicht da ist und dadurch vom Arbeitseinkommen noch abhängiger werden.

      Für mich heißt das: Arbeiten, Tätigsein: ja. Aber möglichst nicht in diese ungesunde Mischung aus Leistungs- und Konsumdruck zu begeben.

  3. Ich dachte immer eine Anstellung beim Jobcenter wäre sicher, gut bezahlt und entspannt weil Gleitzeit und co?! Desto überraschter und erschrockener bin ich jetzt. Auf jeden Fall sehr interessant. Mir stellt sich schon lange die Frage, welche Jobs überhaupt noch „gut“ für die Gesundheit sind?

    1. Jobcenterangestellte haben mit einem riesigen Verwaltungsapparat zutun, gleichzeitig mit Menschen, die sich in finanziell engen und schwierigen Lebenssituationen befinden -z.T. schon jahrelang. Da liegen entsprechend auch mal Nerven blank und wer dort arbeitet, muss damit umgehen können. Dann ist es immer ein Problem, dass in solchen Situationen auch noch viel abgearbeitet werden muss. Für eine bessere und intensivere Unterstützung, Arbeitssuche etc. wäre viel mehr Personal erforderlich. Menschliche Schicksale kann man aber nicht im Akkord abarbeite. Für mich ist das einer der Hardcore-Jobs.

    2. Es gibt gute Arbeitszeitmodelle. Aber es ist alles andere als entspannt!!! Wie Gabi schon sagte, die Leute sind oft nicht freundlich. Dann oft auch Verständigungsprobleme. Man muss bedenken, dass es immer um deren Existenz geht. Zudem machen sie einen auch sehr oft für ihr persönliches Leben/Probleme verantwortlich! Der Arbeitsdruck ist zu groß, es gibt ständig Änderungen (auch interne). Dadurch muss man sich oft umgewöhnen. Ich war eine der längsten dort. Viele sind schon vor mir gegangen. Es ist viel Personalwechsel und dadurch immer wieder Einarbeitungen, die auch zusätzliche Arbeitsbelastung bedeuten! Mit der vielen Arbeit bin ich ganz gut zurecht gekommen, aber mit dem psychischen Druck durch die Kunden konnte ich nicht umgehen!

  4. Hast du für dich irgendwelche Regeln aufgestellt, Gabi, was das Runterfahren des Internets betrifft? Meine: „Vor 11 nicht ins Internet.“ Klappt ja prima. 😙 Viele bauen auch privat ihr Türmchen immer höher. Ich wunder mich da immer. Mit 50 noch mal 2 Kinder. Noch ein Haus …

    1. Manche dieser materiellen Türmchen sind Gefängnisse, da kommen sie nicht mehr raus.
      Wann ist genug genug ? Wer sich diese Frage nicht stellt landet mit vollen Taschen im Krankenhaus.

      Es gilt sich selbst Grenzen zu setzen, sonst bestimnen irgendwann andere.

      Wie viele Gläser Wein heute abend?
      Noch ein Abo abschließen ?
      Noch einen Kredit aufnehmen ?
      Noch mehr Termine in den Kalender ?
      Ich will Spaß, mehr und zwar sofort ! ( die Industrie freut es )

      Manche bauen sich das Hamsterrad so zu, dass sie nicht mehr rausspringen können.

          1. Morgen werden doch tatsächlich meine Deckendosen montiert. Von der Genossenschaft. Das Projekt hat ja auch nur ein paar Monate gedauert. Zumindest hatte ich mal das Material besorgt.

    2. Internet: Ich habe unregelmäßige Arbeitszeiten, da funktioniert es mit den Zeitplanungen nur begrenzt. Unterwegs ist es einfach: Für die üblichen Einkäufe nehme ich das Handy meistens gar nicht mit. Ansonsten meistens nur ÖPNV-Fahrplan oder kurzer Chat.

  5. Hallo,
    absolute Zustimmung, bin gerade in Kurzarbeit, damit ist die Arbeitszeit auf 32 Stunden reduziert, was sehr angenehm ist. Wie Du sagst, es ist ja nicht nur die Arbeit, sondern auch das drumherum, wenn man nach der Arbeit noch den anderen Kram erledigen möchte.

    Gruß
    Fuseboroto

  6. Eintrag aus meinem Tagebuch: „Ich hielt e für eine gute Idee, Anderen Arbeit zu gebe. Mir selber einen guten Job zu suchen, hat sich eindeutig als besser herausgestellt.“ Habe die beste Chefin, die ich je hatte.

    zur Mobilität: als Sehgeschädigte stellt sich die Frage nach dem Auto nicht. Die nach dem Fahrrad allerdings leider auch nicht. Oft sind Radfahrer für mich die größte Gefahr, weil für viele (keineswegs für alle!!!) scheinbar keine Regeln gelten. In einer Stadt mit gutem ÖPNV ist frau relativ unabhängig.

    Das Auto meines Partners ist dennoch ein lebensnotwendiger Luxus: Mein Sohn ist auf den Rollstuhl angewiesen. Neben guten Erfahrungen haben wir auch schon entsetzliche Erfahrungen beim Bahnreisen gemacht. Ein zu 120% ausgelasteter Zug ist für niemanden ein Vergnügen – mit dem Rollstuhl ist es eine Katastrophe!

    Ich wünsche mir, dass zukünftig mehr in Bildung, Gesundheit, Mobilität für ALLE investiert wird statt in Konsum, mehrmalige weite Reisen mit Flugzeug oder Schiff (sollten wieder Highlights werden, die man sich alle paar Jahre gönnt). Das Gemeinwohl sollte vor den Bedürfnissen des Einzelnen stehen – ohne den Einzelnen dabei zu überrollen. Eine soziale Utopie???

    1. Hallo Andrea, diese Art von sozialer Utopie gefällt mir sehr. Wobei ich denke, eigentlich sollte es doch eine Selbstverständlichkeit sein. Da wird über 5G-Internet, vernetzte Kühlschränke, E-Autos und weiß ich was geredet, anstatt mal sowas normales zu verbessern: Mit dem Rollstuhl überhaupt mal halbwegs komfortabel im Bahnhof ans Gleis zu kommen und dann mal genug Platz im Zug, vielleicht noch einen freundlichen Zugbegleiter bzw. Servicepersonal. Das wäre mal was. Oder: Da gibts zwar Hinweise, dass Schwerhörige, die ein Hörgerät mit T-Spule haben, etwas besser verstehen am Serviceschalter, aber die Angestellten dort wissen dann gar nicht, wie man das Teil anstellt. 😩 Mit irgendwelchen Handicaps der unterschiedlichsten Art ist es echt noch ein Desaster.

      1. Was das anbelangt, macht man es sich von Seiten der Offiziellen sehr einfach. Installiert ist es fix, den Angestellten den Umgang mit Mensch und Technik zu vermitteln wird vergessen. Letztendlich hat auch das wieder mit Gewinnmaximierung zu tun: jeder zusätzliche Aufwand soll wenig kosten. Es ist ja nicht einmal mit Kinderwagen immer ein Vergnügen zu reisen. Der Fairness halber sei jedoch erwähnt, dass sich trotz aller Kritik schon viel verbessert hat. Das Personal vor Ort ist meistens freundlich und bemüht. Sie werden aber auch oft mit den Schwierigkeiten allein gelassen.

  7. Es ist aber ein Unterschied ob ich in der Pampa wohnen darf im Feld oder mitten in der Großstadt hängen muss. Das wäre kein Leben für mich.

    Ich wohne aber auch ländlich ohne Auto. Habe aber das Glück, das vieles am Ort ist. Discounter um die Ecke und alles weitere im 2 km Radius. Sogar ein Bahnhof.

    Ich muss dem mit der Zeit widersprechen.
    Also okay, ich habe auch die Arbeit in 1,6 km Entfernung, fahre meistens mit dem Fahrrad, zu Fuß oder Bus geht aber auch, wenn es zum Beispiel regnet.
    Ich fahre aber auch 60 Minuten mit dem Zug zum Sprachkurs, wöchentlich.
    Es geht eigentlich alles mit Bus, Bahn, zu Fuß oder Fahrrad.
    Aber jeder andere wäre schneller und leichter da als ich.
    Ich muss größere Einkäufe, Möbel etc. immer alles irgendwie aufwendig organisieren.

    Aber ich kann auf diesen Fahrten entspannen oder etwas anderes machen. Das können die, die selbst am Steuer sitzen nicht.
    Auch fühle ich mich meistens sicher bei den Fahrern.

    Wenn ich aber nicht das NRW Semesterticket von der Hochschule hätte, fände ich unseren ÖPNV für die Leistung, Fahrpläne, Verspätungen usw. zu teuer. Da ist ein Auto eventuell doch günstiger.
    Man muss sich da wirklich überlegen, ob man nicht für immer Student bleiben will.

    Was ich praktisch finde, ich kann jederzeit überall einsteigen. Zu Fuß weiter, woanders einsteigen. Mit dem Auto geht das nicht, das kommt einem nicht selbstständig hinterher.

    Auch würde ich in der rush hour nie mitten in Düsseldorf irgendwo mit dem Auto im Stau hängen wollen. Da ist ÖPNV einfach entspannter.

    1. Deine Variante relativ kurz zur Arbeit und zur Arbeit und Sprachkurs 1 x die Woche dann längere Fahrt finde ich sehr viel besser gelöst, als das, was ich jahrelang hatte: 4 – 5 x die Woche ca. 1,5 Std pro Wegstrecke ohne Zugverspätungen. Zug war da besser als Auto, aber das war trotzdem viel zu lang. Insbesondere, als dann der Arbeitsdruck auch noch massiv zunahm.

  8. Ich arbeite auch nur 30 Stunden und 4 Tage Woche, freitags frei, immer langes Wochenende. 😅
    Ich werde aber nach beendeter Fortbildung auf 35 erhöhen. Weil ich auch an meine Zukunft denken muss. Ich habe damit auf Dauer viel zu wenig für die Rente.

    Meine Schwester wechselt zum 1.1.2021 die Stelle. Sie reduziert von 40 auf 35 Stunden, mehr Urlaub, von 25 auf 30 Tage, Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld, Fahrtgeld, nach Einarbeitung 2 Tage Home Office die Woche, flexible Arbeitszeiten und das auch noch für wesentlich mehr Geld als vorher. 😂 Man muss sich einfach nicht zu billig verkaufen. In der freien Wirtschaft ohne feste Tarifverträge geht das. Gerade Arbeitgeberwechsel sind klasse für Gehaltsverhandlungen, habe ich auch schon festgestellt. 😜

    1. Hallo Linda,
      in der Tat, ist es wichtig, den Aspekt Rente nicht völlig aus dem Blick zu verlieren. Für das Durchschnittseinkommen von ca. 38900€ (west) gibts 2020 1 Punkt. 1 Punkt macht z.Z. 34,19€ Rente pro Monat (brutto) . Verdient man weniger, bekommt man anteilig Geld. Also möglichst selbst noch was zurücklegen. Die Zeit verfliegt irgendwann schneller, als man denkt.
      Siehe https://www.deutsche-rentenversicherung.de/DRV/DE/Rente/Allgemeine-Informationen/Wie-wird-meine-Rente-berechnet/wie-wird-meine-rente-berechnet_node.html

      Nicht zu billig verkaufen: Ja, sehe ich genauso, gerade als Frau und wenn man die Möglichkeit dazu hat 👍

  9. Nur ein kleiner Aspekt, der hier im Beitrag steckt: Man denkt immer, wenn man ein Auto hat, spart man Zeit. Aber das Gegenteil ist der Fall: Zuerst einmal ist unsere Mobilitätszeit konstant (diverse Untersuchungen zeigen, dass wir täglich im Schnitt 80 Minuten mobil sind), somit sorgt das Auto nur dafür, dass die Entfernungen größer werden. Aber: Wir benötigen dann noch Zeit um das Geld für Auto, Benzin, Reparaturen, Versicherungen und der gleichen zu verdienen…

    1. Die zeitlichen Aspekte sind interessant, aber es stimmt: Man ist dann halt mit Auto mehr unterwegs. War bei mir auch so.
      Ich habe jahrelang genaue Statistik über meine Autokosten geführt. einschl. verrechneter Anschaffungskosten (Anschaffungspreis MINUS Verkaufspreis GETEILT durch genutzte Anzahl von Monaten) lag ich immer bei ca. 350€ für Kleinwagen mit günstiger Versicherung. Das liegt viele Jahre zurück, laut einer ADAC-Übersicht liegt das Fahrzeug inzw. bei 420€. Das wäre ja von meinem Gehalt die Nettosumme – da kommt noch Steuern und Sozialabgaben drauf,damit ich die Bruttosumme habe, die ich mehr verdienen müsste.

  10. Liebe Gabi, du sprichst mir mit dem Beitrag aus dem Herzen. Unsere Gesundheit ist mit NICHTS zu bezahlen.
    Ich (63) habe verpasst die Reißleine zu ziehen. Nach 45 Arbeitsjahren, davon 98% in Vollzeit, hat es mich niedergestreckt. Mein halbes Leben war ich im Verkauf tätig, davon die letzten 20 Jahre als Führungskraft im 2-Schicht-System. Die Verantwortung, Arbeitsverdichtung und Personalmangel haben immer mehr zugenommen. Vor ein paar Jahren bekam ich dann noch Diabetes Typ 1. Von da an nahm meine Leistungsfähigkeit ab. Ich war dem Druck nicht mehr gewachsen. Anstatt kürzer zu treten, habe ich versucht noch mehr Gas zu geben. Ich wollte den Job nicht verlieren. Auch finanziell stellten sich plötzlich Ängste ein.
    Heute bin ich EM – Rentnerin und habe monatlich 700 Euro Netto weniger zur Verfügung. Abgesehen von den gesundheitlichen Einschränkungen geht es mir gut. Die finanziellen Ängste waren unbegründet. Ich bin jetzt viel gelassener. Ich genieße die kleinen Dinge, entrümpele meine 2-Zimmer-Wohnung und befasse mich mit dem Minimalismus. Es ist unsere falsche Denkweise, die uns oft davon abhält, endlich gesunde Entscheidungen zu treffen. Nachdem ich meine Ausgaben reduziert habe und nicht mehr jeden Plunder kaufe, merke ich, wie gut man mit weniger Geld auskommen kann. Ich koche viel bewusster, trage die Kleidung die ich habe und kann sogar noch einen Betrag sparen.

    1. Es ist erschreckend, in wie vielen Bereichen, es immer das gleiche Desaster ist. Als Käuferin bezahle ich im Bedarfsfall auch mehr, wenn ich weiß, dass ich eine ordentliche und vernünftige Beratung bekomme. Und wenn z.B. Firmeninhaber oder Aktienjongleure mal etwas weniger Profit haben, aber den Angestellten geht es gut, wäre das doch auch mal was. Nicht über allen Firmen hängt der Pleitegeier… Aber es freut mich, dass du dann jetzt doch noch einen guten Weg für dich findest, insb. wo es mit den Finanzen dann auch so geht.

    2. Die falsche Denkweise – der bin auch ich jahrelang aufgesessen. Arbeit wird zur Religion. Das Totschlags-Argument in Politik & Wirtschaft schlechthin sind immer die Arbeitsplätze. So tragisch der Verlust vom Job im einzelnen ist – niemand scheint den Sinn dahinter zu hinterfragen. Siehe David Grabers Bullshit-Jobs. Dennoch gibt es zum Glück noch Berufe & Jobs, die sinnerfüllt sind. Und die, sofern die Rahmenbedingungen stimmen, Spaß machen. Oder wenigstens zufrieden. 😉

  11. Gabi, du triffst den Nagel mal wieder auf den Kopf. Bei mir hats auch geknallt dieses Jahr. Schon im Januar. Meine Reaktion: Hilfe, ich muss weiterfunktionieren! Resultat: Nochmal zusammengeklappt nach den Sommerferien. Jetzt ist Sense. Ich bin quasi „gegroundet“. Als LehrerIn ist es aktuell leider sehr schwierig, die Arbeitszeit zu reduzieren (es sei denn man hat ein Kind oder einen Pflegefall). Aus diesem Grund habe ich wirklich alles ins Rollen gebracht, von Schulleitergesprächen bis hin zur Schulaufsicht und Eingliederungsmanagement.

    Aktuell warte ich auf die Bearbeitung meines Antrags, damit ich mit erheblich kleinerem Deputat wieder arbeiten kann. Ich bin bestürzt, die Situation konfrontiert mich mit Angst. Ich habe allerdings verstanden. Ich bin sehr dankbar dafür, dass mein Körper mir bereits jetzt den letzten Warnschuss gegeben hat. Ich habe viele Belastungsreaktionen ignoriert, weggearbeitet und beiseite geschoben (andere schaffen ja auch mehr Pensum)… mit fatalen Folgen. Ich bin nichtmal 30.

    Meine „Festplatte“ ist jedenfalls auch zu heiß gelaufen und das nicht erst dieses Jahr. Daher kann ich mich mit deinen Erlebnissen gut identifizieren. Soziale Berufe die wie Fließbandarbeit verrichtet werden müssen, weil Zeit fehlt und Arbeitsdichte steigt, machen einfach krank. Ich wünsche mir, dass ich in Zukunft besser auf mich achte.

    Danke für diesen wichtigen Beitrag!

    1. Ich hoffe sehr, dass dein „Trommeln auf allen Ebenen“ etwas bringt. Stell dir vor, du hättest die übliche Konsumkarriere gemacht und ständest jetzt mit Leasingraten fürs schicke Auto, Kreditraten fürs Einfamilienhaus, tausenden Abos und Verträgen, teuren Möbeln usw. usw. usw. da – Dann hättest du kaum die Chance auf Reduzierung und müsstest dich für einen Konsumklimbim aufreiben…

  12. Mir gehts ähnlich. Ich bin Anwendungsprogrammierin. Geregelte Arbeitszeiten gibt es nicht. Das mache ich nun seit fast 30 Jahre. Schwierig, das ist „mein“ Beruf und super Betriebsklima, andererseits auch eine hohe Verantwortung. Du kannst nicht einfach Feierabend machen. Reduzieren?
    Die Arbeit hatte sich verändert. Viele Firmen hatte ihre IT outgesourced. Standard-Programme. Für die Branche paßt es nicht und sieht schlecht aus. Insolvenz war Realität. Heute braucht man für den Beruf ein Studium, das ich nicht habe.
    Ich hab nichts anders gelernt und kann nichts anderes. 😉

    Viel Zeit für einen selber ist wenig. Im Moment sind wir seit März im Homeoffice und kein Ende in Sicht. Der Nachteil: man sieht die Kollegen nicht und ist schnell vom Informationsfluß nicht. Viel zuhause. Der Vorhause: man kann die Zeiten sich einteilen und der Arbeitsweg fällt weg.

    Ich nutze die Zeit für mich. Mal zum Arzt gehen. Check ab 35, zuletzt vor 14 Jahren. Es war nie Zeit. Spazierengehen. Online-Kurse gibt es nun vermehrt. Großartig! – Reparaturen, im Bad ist eine Dichtung hinüber und es pfützt. Ich hab den Teppich bestellt, den schon immer haben wolle. Netzwerke bin ich gerade dabei. Was ausmisten, die Fritteuse und 4 Bücher wurden abgeholt.

    Ich mach Gedanken, wie es soll es werden, wenn es vorbei ist? Keine Idee!

    1. 2 Jahre vor Corona wurde Homeoffice bewilligt. Erst ein Tag, dann zwei Tage. Max. 4 Leute. Nun Dauer-Homeoffice. Seit März. So etwas dazwischen wäre gut.

      Aber dieses „eh-da“. Ich wünschte mir, einfach Feierabend machen zu können und gehen. Wir sind oft noch abends, nachts oder Wochenende erreichbar. Vor jeden Urlaub kämpfe ich, dass ich gehen kann. Wenn ich zurück komme, hat es keinem Interessiert, was so dringend fertig werden musste.

      Der Arbeitsweg, ich genieß das, 30 bis 60 Min. 4 S-Bahnen in einer Stunde. Kein Umsteigen. Manchmal nahm ich den Bus, der über die Dörfer fährt, alle 2 Stunden pro Woche, und viel länger braucht. Ich bin 8 Uhr da, obwohl ich nicht vor 1/2 8 Uhr aus dem Haus komme, bin lange da und doch zeitig zuhause. Das ist einfach goldwert.

      Genau, das nervt mich bei der Arbeit. Ich mach das gerne meine Arbeit, die Kollegialität ist ein Traum. Aber dieser Hickhack, das nervt. Durchschnitt 54, woanders älter, zu wenige, zu spezialisiert.

      Ja, ich bin seit 30 Jahren in der Firma.

      1. Ich brauch das Geld. Ich bin eine Frau und verdiene eh wenig. Frauen auch mit Ausbildung und Qualifikation oft nur schlecht bezahlte Teilzeitjobs. Festanstellung selten. Gehaltserhöhung hatten wir lange keine, im Moment nicht möglich.

        Das Leben ist teuer geworden. Ich mach die Arbeit wirklich gerne. Ich will nicht wechseln wollen. Veränderungen wären möglich, wenn wir mehr wären. Wenn die Arbeit auf mehrere Schulten verteilen würden statt auf einer.

        1. Wenn es mit der Arbeit passt, gibts ja auch keinen Grund, etwas zu verändern.
          Ich habe auch zeitweise Homeoffice, schalte die Geräte aber nach Feierabend konsequent aus. Allerdings arbeite ich auch in einem anderen Bereich und die Leute wissen, wann sie mich erreichen können.

  13. Ich kenn das. War 10 Jahre beim Jobcenter tätig. Davon bin ich krank geworden, leider chronisch, das wird mich mein Leben lang begleiten. Es war eine sehr stressige und belastende Zeit und ein unheimlicher Psycho- und Zeitdruck. Ich bin sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte eine neue Stelle zu bekommen. Habe dadurch auch reduziert (30 Stunden). Verzichte auch auf Geld. Hab jetzt eine etwas geringere Lohngruppe. Aber mir ist es das alles wert!!! Es ist so viel mehr Lebensqualität! Viele meine ehemaligen Kollegen und Bekannten konnten nicht verstehen, dass man eine neue Stelle mit weniger Geld annimmt. Aber mir macht die Arbeit Spaß und das war mir schon immer wichtiger! Man verbringt so viel Lebenszeit auf der Arbeit…

    1. Ich bin da ganz bei dir. Ich würde auf wirklich sehr sehr viel Geld verzichten, um einfach gesund und zufrieden meine Arbeit machen zu können. Mehr Geld als nötig macht eben nur dann glücklicher, wenn man auch die Energie und Gesundheit hat, es mit Freude auszugeben, anzulegen was auch immer. Die Lebensqualität ist unbezahlbar.

    2. Ich kann dein Vorgehen gut nachvollziehen. Was nützt das Geld, wenn man von der Arbeit krank wird? Dann funktioniert das auf Dauer doch ohnehin nicht mehr. Und so lange man mit seinem Teilzeitgehalt klar kommt, ist doch alles ok. Den meisten Menschen ist glaube ich kaum klar, wieviel Geld und Lebenszeit für den Konsum unnützen Krams drauf geht.

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