Minimalismus – achtsame Wertschätzung der Dinge

Es war gestern bei einem Achtsamkeitstag, als mir die Bedeutung und die Wertschätzung von Dingen nochmal besonders deutlich geworden ist. Von 10 bis 16 Uhr haben wir formelle Achtsamkeitspraxis geübt: Sitz- und Gehmeditation, Bodyscan, Yoga im Stehen, Yoga im Liegen. Der Tag wurde im Schweigen verbracht, auch die Mittagspause, in der wir achtsam gegessen haben. Dies war ein idealer Rahmen, um vieles bewusster zu erleben.

 

Achtsamkeit beim Essen – Achtsamkeit auf Dinge

Für mich gestaltete sich dann insbesondere die Mittagspause mit dem achtsamen Essen etwas anders, als ich es zunächst erwartet hatte. Ausgangspunkt war, dass es keine Verpflegung und kein Geschirr/Besteck vor Ort gab, so dass wir alle unser Essen und unser Geschirr/Besteck selbst mitgebracht haben.

Als ich so da saß, fiel mein Blick auf diese Gegenstände. Ich erinnerte mich daran, dass ich diese Dinge sehr bewusst und gezielt vor einigen Jahren nach und nach gekauft habe. Irgendwann waren die bis dahin genutzten Plastikbehälter nicht mehr für Lebensmittel benutzbar. Sie lösten sich teilweise auf oder gingen ganz zu Bruch.

Mir wurde im Betrachten meiner jetzigen Gegenstände bewusst, dass es praktische Gründe waren, weshalb ich mich für diese und nicht für andere Gegenstände entschieden habe. Und nun war im achtsamen Umgang mit genau diesen Dingen beschäftigt. Mir wurde bewusst, dass ich diese Aufbewahrungsbehälter einfach auch schön finde. Sie sind nicht nur praktisch, sondern etwas besonderes für mich und insbesondere ein Aspekt hat sich deutlich verändert:

 

Wertschätzung durch Minimalismus

Während des achtsamen Essens wurde mir bewusst, dass sich durch meinen minimalistischen Lebensstil, insbesondere die Wertschätzung für die Dinge verändert hat. Ich dachte daran, welche zahllosen Arbeitsschritte vieler Menschen nötig waren, bis nicht nur das Essen zu mir kam, sondern wieviel Aufwand auch die Produktion dieser Behälter gewesen ist. Ich habe sie lange betrachtet und mich sehr daran erfreut, dass diese Behälter den Plastikmüllberg nicht vergrößern werden und wie schön es ist, diese langlebigen und ausgewählten Dinge benutzen zu können.

Von allem Möglichen viel und im Überfluss zu haben, bedeutet letztlich auch, dass die einzelnen Dinge schneller ihre Bedeutung verlieren. Hätte ich den ganzen Schrank voll mit solchen Behältern, wäre meine Freude daran definitiv nicht so groß. Vermutlich würde ich mir dann schnell überlegen, ob es nicht noch etwas Besseres oder Schöneres gibt. Eine ähnliche, besondere Bedeutung haben auch andere, bewusst ausgewählten Gegenstände. So ist mein Futon etwas besonderes für mich und es ist tatsächlich ein schön gestaltetes Ritual für mich geworden, diesen Futon abends als Bett herzurichten. Da ich keine Kaffeemaschine haben, ist es bei den Gegenständen, die ich zum Kaffee kochen benötige, ähnlich – schon das Kaffee kochen alleine ist bereits ein besonderes Erlebnis. Das Geld, das ich nicht für die Anschaffung einer Kaffeemaschine aufwenden musste, investiere ich lieber in fair gehandelten Bio-Kaffeebohnen und achte darauf, dass der Kaffeekonsum nicht ausufert. Der morgendliche Kaffeegenuss ist dadurch wirklich immer etwas ganz besonderes und ich genieße es sehr.

 

Minimalismus – die Freiheit der Entscheidung

Minimalismus ist die Konzentration auf das Wesentliche. Minimalismus gibt mir die Freiheit, mich bewusst nur für ganz bestimmte, ausgewählte Dinge zu entscheiden. Denn Minimalismus bedeutet nicht, dass ich nun gar nichts kaufen will. Aber ich kann mich besser entscheiden und gezielter auswählen. Dadurch, dass ich insgesamt weniger konsumiere, habe ich auch mehr finanzielle Möglichkeiten, wenn ich mich für bessere Qualität, fairere und nachhaltigere Produkte entscheiden möchte.

 

Achtsamkeit – die Dinge erlebbar und greifbar machen

Durch Achtsamkeit wird mir die Wertschätzung der Dinge, diese Freiheit, sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können, erlebbarer und greifbarer. Achtsamkeit hilft, dieses Wesentliche und die Wirkung auf mich und meine Umwelt klarer und ganzheitlicher zu erfassen.

 

Fülle und Wertschätzung statt vollgestopfter Räume

Achtsamkeit und Minimalismus führen dazu, den Dingen wieder mehr Wertschätzung entgegen zu bringen. Wertschätzung für die Dinge als solches, aber auch für die Menschen, die diese Dinge hergestellt haben. Wertschätzung für einzelne Dinge ist auch der Grund, warum ich überhaupt nicht das Gefühl habe, nur wenig Dinge zu besitzen – im Gegenteil. Weder wohne ich karg, noch ist das irgendwie extrem. Über-Konsum ist ähnlich wie zu viel Essen: Es kann noch so lecker sein, esse ich zu viel, wird mir schlecht. Sehe ich all den Müll, den wir in unserer Konsumgesellschaft produzieren, fällt mir dazu der Begriff „Konsum-Bulimie“ ein. Wir konsumieren so lange und so viel, bis es der Umwelt und irgendwann uns selbst „kotz-schlecht“ davon wird. Das ist weder Genuss, noch Fülle. 

Eine minimalistische Lebensgestaltung empfinde ich dagegen sehr viel mehr als Fülle – und es ist etwas ganz anderes als Völlerei, vollgestopfte Räume oder ein verstopftes Leben. Diese Fülle spüre ich in dem Genuss, den ich an und mit einzelnen Dingen habe. Die Freude, die Dankbarkeit und das intensive Erleben ist um ein vielfaches größer geworden und ich bin sehr glücklich darüber.

 

Lesetipp: Achtsamkeit erleben

 

 

12 thoughts on “Minimalismus – achtsame Wertschätzung der Dinge

  1. Sehr schöner Beitrag! Mir geht es ebenso. Die Dinge bekommen eine neue, andere Wertigkeit. <3 Durch Achtsamkeit habe ich gemerkt, dass ich kaufe um eine Leere in mir zu füllen. Alles Liebe

  2. Genauso geht es mir! Auch hochqualitative Thermoskannen und vor allem unsere Gusseiserne Bratpfannen, sehr schwer die zwei ABER die sind immer noch super, wenn wir nicht mehr leben. Qualität bis ans Lebensende sozusagen. Anstatt immer wieder erneut zu konsumieren.

  3. Danke schön, liebe Gabi! Deine Texte sind eine schöne ruhige Insel in meinem Alltag, die ich auch gerne mehrfach lese.

  4. Hallo Gabi! Ja, achtsam mit den Dingen umgehen ist Ausdruck einer großer Wertschätzung, die mich auch immer wieder tief berührt. Da ist plötzlich eine große Dankbarkeit da. Ich erlebe das oft, wenn ich meinen wöchentlichen Lebensmitteleinkauf mache und denke: WOW, diese Fülle aus der ich auswählen kann. Geht es uns gut. Und dann frage ich mich, wie wir das teilen können. Natürlich bin ich auch schockiert! Letzter Schock war ein Kilo Seelachs für 3,99€ und dann noch mit einem Nachhaltigkeitszertifikat. Nee, da geht etwas ganz gehörig schief.
    Danke für deinen Beitrag!
    Sehr anrührend.
    Gruß Dirk

  5. Gabi, wie kraftvoll und ruhig dieser Text zugleich ist, ist sensationell.

    Ich habe das dringende Bedürfnis, mich einen Tag in der Woche von allem zu entkoppeln, auch wenn ich da immer wieder auf Widerstand von anderen stoße. So ein Schweigetag passt dazu hervorragend. Ich werde das mal probieren.

    Lieber Gruß,
    Philipp

    1. Danke! Die Kunst ist ja auch, den inneren Lärm dann zwar zu sehen, sich aber nicht davon völlig vereinnahmen zu lassen. Das braucht ein wenig Übung, hilft aber auch sehr.

  6. Hallo Gabi!

    Konsum-Bulimie finde ich ja großartig. Geniale Wortschöpfung! Und Dein Vergleich mit dem Essen/Überessen gefällt mir auch sehr gut.

    Ich sehe das sehr ähnlich wie Du. Seitdem ich so einen bewussten Umgang mit den Dingen pflege, habe ich mehr Beziehung zu den Gegenständen aufgebaut und ist die Wertschätzung noch weiter gestiegen.

    Super schöner Beitrag, gefällt mir so gut, dass ich ihn wieder einmal bei meinem Achtsamkeitsprojekt verlinkt habe.

    1. Hallo Maria, danke fürs Verlinken!
      Der Begriff Konsum-Bulimie fiel mir spontan ein, eigentlich war da der Beitrag schon fertig. Aber weil ich es so passend fand, habe ich mir gedacht, füge ich ihn halt noch ein.

  7. Ich habe mehrmals an einem Meditationskurs teilgenommen. Dabei habe ich auch gemerkt, dass es an manchen Tagen, an denen ich viel im Kopf hatte, auch nicht so klappen wollte. Aber auch das, was man dadurch feststellt, ist ja allemal wertvoll.
    Den ganzen Tag zu schweigen stelle ich mir auch nicht leicht vor. Ich hätte Sorge, mir würde automatisch was rausplatzen. Ist ja bestimmt nicht schlimm, aber ich würde vllt. alle „rausbringen“.

    1. Schweigen ist tatsächlich ungewohnt für uns, aber „Alle rausbringen“ – na, diese TeilnehmerInnen haben dann ja die Möglichkeit, dies als Achtsamkeitsübung zu nutzen 😉 . Die Atmosphäre ist auch anders, so dass es nicht ganz so schwierig ist, wie man es sich erst vorstellt. Etwas anderes ist es, wenn jemand gleich mehrere Meditationstage hintereinander schweigt, z.B. an sog. Meditations-Retreats. Dazu ist m.E. umfangreiche Vorerfahrung sinnvoll und sollte auch gut begleitet sein. Achtsamkeit als solches ist positiv, sollte uns aber auch nicht gleich überfluten. Den persönlichen Ehrgeiz zu minimalisieren, kann da ganz hilfreich sein.

  8. Hallo, liebe Gabi,
    zunächst mal hört sich das nach einem sehr schönen Tag an. So etwas will ich auch gern mal mitmachen.
    Seit ich reduziere, stelle ich auch immer wieder gerne fest: Je weniger wir haben, desto mehr schätzen wir die einzelnen Dinge wert und desto mehr und lieber pflegen wir sie. Jedes Mal, wenn ich meine Ohrschlaufe benutze, die ich mir letztes Jahr zugelegt habe, werde ich mir bewusst, dass dies eine der besten Anschaffungen meines Lebens war! Und das ist nur so ein kleines alltägliches Ding…
    Haben wir viele Dinge derselben Art, gehen wir achtlos mit ihnen um. Ist ja nicht schlimm, wenn eins kaputt geht, wir haben ja noch mehr. Oder wir können sie sofort nachkaufen, kostet ja fast nichts.
    Leider stelle ich das Gleiche bei mir bei Tätigkeiten fest. Ich neige noch dazu, mich mit ihnen zu überfrachten, und dann kann man auch in diesem Bereich die einzelne Sache nicht wertschätzen und kümmert sich nur achtlos darum.
    Vielen Dank für diesen Beitrag, in den man sich so richtig einfühlen kann!
    Schönen Sonntag noch.
    Aeris

    1. Hallo Aeris, ein Achtsamkeitstag ist für mich vor allem wertvoll. Manchmal gibt es sehr schöne Momente, manchmal ist es aber durchaus auch schwierig – je nachdem, wie es mir dann auch gerade in dem jeweiligen Moment selber geht. Achtsamkeit als solches ist ja letztlich auch etwas sehr minimalistisches – und gerade dadurch wird so vieles sehbar, spürbar, hörbar. Ich kann es manchmal selbst kaum glauben.

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