Minimalismus als Basis

Wenn immer noch alles anders ist

Vor 3 Monaten hatte ich die ersten Corona-Symptome, seither bin ich krank geschrieben – Longcovid bzw. Postcovid. Es gibt Fortschritte, die sich aber mitunter auch schnell in Luft auflösen können. Bei mir war es letzte Woche eine gewöhnliche Alltagssituation, die zur persönlichen Überforderung führte, da ich unter vielen unterschiedlichen Geräuschquellen um mich herum, die entscheidenden Töne (=Sprache) herausfiltern musste. Das gesunde Ohr kann unnötige Geräusche üblicherweise gut ausblenden, mit meiner recht ausgeprägten Hochton-Schwerhörigkeit ist das generell schwierig und wurde dieses Mal zum besonderen Problem.

Tonaudiogramm mit stark abfallenden Werten ab 2000 Hertz

Ich schaffe das Hören in solchen Situation nur mit sehr viel Konzentration. Und das, obwohl meine Hörgeräte wirklich sehr gut eingestellt sind. (Herzlichen Dank an dieser Stelle einmal an den Akustiker, der dies immer wieder mit viel Geduld sehr gut hinbekommt!). Da ich aber derzeit immer noch etwas coronabenebelt bin, gelang mir diese Konzentration auf das Erkennen von Sprache bei Störgeräuschen überhaupt nicht und lange bemerkte ich es nicht einmal. Leider hat dies wieder zu vermehrten Longcovid-Beschwerden geführt mit schnell hochgehendem Puls, mehr Atemnot etc.. Also heißt es jetzt, alles erstmal wieder etwas langsamer machen. Geduld ist gefragt, aber auch Ausdauer und immer noch die Kunst, das richtige Maß zu finden.

Genau dadurch ist mir aber auch wieder einmal deutlich geworden, wie wichtig und letztlich auch gesundheitsfördernd ein minimalistischer Lebensstil ist:

Bessere Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse

Was ist wichtig? Was ist wesentlich? Wie geht es mir gerade hier und jetzt? Wesentliche Fragen und für mich gehört Achtsamkeit von Beginn an zu Minimalismus dazu. Meine jahrelange Achtsamkeitspraxis ist derzeit sehr hilfreich. Wie oben geschrieben, gelingt es mir auch nicht in jeder Situation, meine Bedürfnisse rechtzeitig zu erkennen, aber einmal ein Problem erkannt, wiederhole ich dies üblicherweise nicht. In ähnlichen Situationen schalte ich dann nämlich besonders aufmerksam in meinen Achtsamkeits-Modus.

Nicht nur die täglichen Spaziergänge gestalte ich achtsam und somit im jeweils passenden Tempo und Zeitlänge, sondern auch die täglichen Alltagsverrichtungen im Haushalt. So etwas wie achtsames Staubsaugen im leichten „Zeitlupen-Modus“ ist nicht nur hilfreich, sondern durchaus auch sehr interessant und nicht nur eine lästige Pflichterfüllung. Wie sagt der Volksmund so schön: „Gibt dir das Leben eine Zitrone, mach Limonade daraus.“ Ich könnte ergänzen: Aber bitte eine Limonade, die dir schmeckt und die zu dir passt!

Weniger Dinge, weniger Belastung

Mit Longcovid (bzw. Postcovid) ist es extrem hilfreich, keine unnötigen Belastungen und Ballast zu haben, um sich so besser auf das Wesentliche zu konzentrieren. In meinen Räumen steht zum Glück nicht viel herum.

Blick auf Küchenzeile rechts und Tisch mit 2 Stühlen links

Gerade in der Küche ist das besonders hilfreich. Ich muss nicht viel zur Seite räumen, kaum etwas abstauben und die relativ wenigen Teile sind recht unkompliziert auf- und wegzuräumen. Auch hier ist das passende Maß und die Menge an Dingen wichtig. Bei mir ginge es natürlich auch mit noch weniger Dingen. Aber Extrem-Minimalismus würde irgendwann anstrengend. Ich will beim Kochen nicht ständig das einzig vorhandene Messer oder Holzbrett spülen müssen. Schon gar nicht solche Dinge erledigen, wie die Wäsche von Hand zu waschen, weil ich dann damit ein Teil (die Waschmaschine) einsparen könnte! Damit würde ich den Puls unnötig in die Höhe schrauben und meiner Lunge ginge es damit definitiv auch nicht besser. Nebenbei wäre ich auch zu bequem dazu 😉

Weniger Dinge, weniger Kosten

Mir war es von Beginn an wichtig, durch Minimalismus auch weniger Kosten zu haben. Das gelingt auch, zumindestens dann, wenn man keine Ambitionen hat, einen gleichzeitig schicken, aber auch teuren „Show-Minimalismus“ zu betreiben. Von meinem 40%-Teilzeitgehalt habe ich aktuell 70% Krankengeld. Dies wird aber nicht regelmäßig monatlich ausgezahlt, sondern immer im Nachhinein eines Krankschreibungs-Zeitraums. Das Geld kommt, aber nachträglich und nicht pünktlich am 30. Ich habe ja ohnehin ein Haushaltsbuch und die Frage, wie ich mein Leben finanzieren würde, wenn plötzlich weniger Geld da ist, habe ich mir schon vor Jahrzehnten gestellt. Dadurch decke ich auch jetzt noch alle Kosten. Lediglich größere Anschaffungen oder Rücklagen würden schwierig. Ich könnte inzwischen sogar Wohngeld beantragen, mal schauen, ob ich das auch mache. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste mir jetzt noch Sorgen machen, wie ich mein Leben, irgendwelche Abos und Verträge und all den Konsumklimbim finanzieren kann: Horror!

Minimalismus als Basis für das persönliche Leben

Auch ohne Erkrankung, ohne Corona und auch wenn man bei bester Gesundheit ist:

Minimalismus als Basis fürs persönliche Leben finde ich immer und in jeder Lebenssituation hilfreich. Die letzten Jahre haben gezeigt, wie schnell sich etwas ändern kann. Und selbst wenn alles in bester Ordnung ist, ist es eine wunderbare Sache, sich einfach auf andere, interessantere Bereiche des Lebens zu konzentrieren: Persönliche Interessen, Hobbys, Unternehmungen, Begegnungen oder einfach nur die Zeit und den Blick für die schönen Dinge des Lebens zu haben. So etwas, wie den gerade langsam erwachenden Frühling. Was ist da schon ein Kaufhaus oder Internetshop dagegen?

 

 

Zweige eines Baumes mit kleinen Blättern und Knospen

 

Selbst—Coaching Programm

Ein kleines Update. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten, eine (natürlich nicht gesponserte) Buchempfehlung mit wirklich hilfreichen Tipps: Selbsthilfe bei Long Covid von einer von Longcovid betroffenen Psychologin und ihrer Ärztin. U.a. auch viele kostenfrei umzusetzende Tipps:

Stefanie Nüßlein, Dr. med. Cornelia Ott: Mit Long Covid zurück ins Leben. Südwest-Verlag

 

 

 

23 thoughts on “Minimalismus als Basis

  1. Konntest du was mit den Tipps der Ernährungsdocs anfangen, Gabi? Manchmal sind sie ja sehr speziell. Meine Passt-mir-nie-mehr-Lieblingseinquetschhose sitzt wieder dank TCM. Alltagsachtsamkeit ist auch mein Thema. Wie finde ich da den Anfang? Ich beginne mal mit You Tube reduzieren. Hab nach 6 Jahren ein neues Handy. Das alte dreimal vom Balkon geworfen. Unverwüstlich. Man konnte nicht mehr damit googlen. Technik hat sich weiterentwickelt. Noch mal warte ich nicht so lange. Bald noch ein neues Tablet. Weiterhin gutes Gelingen und Gelassenheit. Ich hab übrigens meine 8 Paletten des Podestes neulich mit einem Techniker fixiert. Nun muss ich nur 4 nicht sichtbare Schrauben lösen beim Transport. Das war wichtig und die minimalistische Aufgabe an ihn. Hat er super entwickelt und gelöst. Man muss die Männer fordern.

    1. Bei den Ernährungsdocs sind natürlich immer ein paar gute Tipps dabei. Beispielsweise die antientzündliche Ernährung. Allerdings ist das wirklich sehr speziell. Bei mir sind natürlich schon viele Sachen anders. Ich habe oben ein Buchempfehlung ergänzt, das finde ich wirklich sehr hilfreich, gerade bei dem, was man kostenfrei selber machen kann.
      Deine Palletten-Konstruktion klingt wirklich spannend.

  2. Noch 2 gedrückte Daumen für schnelle Besserung! Pass gut auf Dich auf (überflüssige Ansage – machst Du ja!) und genieß die Spuren von Frühling.
    Wohngeld beantragen: ja, unbedingt! Lohnt sich, und der Antrag ist bloß nervig, wenn man nicht alle Unterlagen da hat. Hast Du aber bestimmt.

    1. Oh so ein Sozial-Antragszeug kann ich sogar noch mit Coronanebel im Kopf. Habe ich beruflich schon endlos viel und oft gemacht. Ich kann mir zum Glück Zeit lassen. Bei mir ist ja der Papierkram sortiert. Ich muss nicht stundenlang in überfüllten Schränken nach Unterlagen suchen. Auch so ein ganz glasklarer Minimalismus-Vorteil, so ein Nervzeug bekommt man schneller fertig. Es hakt ansonsten z.Z. eher an den gewöhnlichen, simplen Alltagsdingen und da nicht ständig was zu vergessen. Das ist schon schräg.

  3. Hallo Gaby. Gute Besserung und Geduld auf dem Weg zurück zur Gesundheit. Wenn es bei dir langsam mit der Genesung vorangeht, wird es möglicherweise noch Monate dauern bis du wieder arbeitsfähig bist. Deshalb macht es Sinn sofort Wohngeld zu beantragen. Wenn das Geld nicht ganz so knapp ist, kannst du dir leichter die Fahrkarten für öffentlichen Verkehrsmittel leisten oder zur Not auch mal ein Taxi nehmen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass schon eine kleine Überanstrengung sofort einen Rückschlag verursacht.

    1. Ja, ich denke, ich werde das auch machen. Das ÖPNV-Ticket wird dann interessanter. Deutschlandticket lohnt aktuell für mich nicht und NRW überlegt, ob da beim Deutschlandticket für Bezieher von Wohngeld etc. nachgebessert wird. Das wäre ganz hilfreich. Aus Belastungsgründen muss ich tatsächlich schauen, ob und wann ich wieviele Wege ich in dem gleichen hohen Umfang zu Fuß mache oder eben doch etwas reduzierter.

      1. Abgesehen von Fahrtkosten kommen evtl. noch andere Kosten dazu.
        Nahrungsergänzungsmittel, Zuzahlung für Medikamente/Behandlungen. Anreisen zu Spezialisten inkl. selbst zu zahlender Übernachtungskosten.
        Die Notwendigkeit trotz hoher Gemüsepreise die eine bestimmte Sorte kaufen zu müssen, weil es das ist, was man noch gut verträgt.
        Ich brauchte z.B. ein paar neue Anziehsachen, weil mein Körper empfindlicher auf vielen Ebenen wurde. Nur Qualitätsmarken erfüllten die Kriterien, bei den Preisen sind selbst Angebote noch sehr teuer.

        Zudem bleibt die Ungewissenheit, wie lange der Spaß denn nun dauert und ob man wieder gesund wird. Jeder Cent zählt.

        1. Ja, Gesundheitskosten sind wichtig. Ich habe dafür auch immer ein paar Rücklagen. Gleichzeitig entsteht dann natürlich gleich wieder ein neuer Markt, mit dem Geld regeneriert wird. Hochdruck-Sauerstoff-Therapie mag z.B. wirklich hilfreich sein. Aber Kosten von mehreren tausend Euros: Indiskutabel. Man muss also genau hinschauen, was passt.
          Ein Buch fand ich sehr hilfreich, welches ich oben im Text noch ergänzt habe. Eine selbst betroffene Psychologin und ihre Ärztin haben zusammen ein Buch geschrieben. Super Tipps fürs Selbstmanagement. Siehe oben.

          Man muss sich ja auch in dem ganzen Dschungel von Empfehlungen erst mal zurechtfinden und schauen, was für einen selber wirklich notwendig ist und gut passt.

          1. Bei dem Dschungel für Empfehlungen hielt ich mich anfangs an ein Forum, was nicht ganz mein Thema war, aber sich im großen und ganzen mit meinen Problemen deckte.

            DIe User tauschen sich gut über Nahrungsergänzungsmittel, Behandlungen u.s.w. aus und geben auch langfristig Feedback.

            Falls du mehr wissen möchtest, kannst du mich gerne per Mail anschreiben und ich gebe dir den Link.

          2. Vielen Dank! Momentan bin ich gut versorgt. Möglicherweise auch, weil der Kenntnisstand im medizinischen Bereich über Long COVID zumindestens deutlich besser ist, als er noch vor einem Jahr war. Wenn ich da künftig noch ein Austausch- und Informationsbedarf habe, melde ich mich gerne noch mal bei dir.

  4. Meine Waschmaschine und die Einfachheit einer minimalistischen Haushaltsführung habe ich die letzten Monate noch tiefer zu schätzen gelernt.
    Bin für meine Verhältnisse sogar eine recht gute Köchin geworden. Aus Zeitvertreib und Notwendigkeit. Mitterweile macht es sogar Spaß.

    Trotzdem kein Bedürfnis entwickelt mir neue Küchendinge zuzulegen. Das wichtigste ist ein vernünftiger, stabiler, formgerechter Löffel. Dann braucht es keinen Kartoffelstampfer, Rührgerät, Schneebesen, Teigschaber, Suppenlöffel, Zitruspresse oder eine Waage. Ich habe eh nicht alles von den aufgelisteten Sachen, doch es machte Spaß weiter auszureizen wie spartanisch man wirklich leben kann.
    Zwei Dinge aus dem Werkzeugkasten wurden allerdings unerwartet wichtige Küchenhelfer. Wasserpumpenzange und Hammer. Um Hasel-und Walnüsse zu knacken.
    Für einen gängigen Nußknacker fehlt mir (noch) die Kraft und Koordination.

    Wünsche weiterhin gute Besserung.

  5. Hallo liebe Gabi, ich wünsche dir von Herzen baldige Genesung. Auch ich hatte mit Corona Nachwirkungen zu kämpfen. Ich war nur noch müde und schlapp, hatte Gedächtnisaussetzer und Null Power. Habe dann Vitamin B Aufbauspritzen verschrieben bekommen – 8 Stück 1x pro Woche (Selbstzahler 40 Euro). Das hat mir persönlich geholfen. Seitdem geht es mir besser. Mit der Luft habe ich auch noch zu kämpfen, aber ich habe an Gewicht zugenommen. Doch jeder Mensch macht da seine ganz eigenen Erfahrungen. Ich ziehe im Mai zurück in die alte Heimat. Das ist ein Grund so richtig auszuräumen. In diesem Umfang hätte ich das wahrscheinlich nie zu Wege gebracht. Aber jetzt MUSS es sein. Ich habe so viele Sachen verschenkt, entsorgt, einen Teil verkauft. Einfach krass. Ich fühle mich befreit und glücklich und starte mit 66 Jahren noch einmal in ein neues Leben.

  6. Hallo Gabi,

    auch von mir weiterhin gute Besserung.
    Ich selbst leide auch seit mittlerweile 8 Monaten an Post Covid und habe auch schon eine 6-wöchige Reha hinter mir.Aus der Reha bin ich zwar nicht „geheilt“ entlassen worden, sondern habe gelernt meine Kräfte noch besser einzuteilen und auf gar keinen Fall über meine Grenzen zu gehen. Denn das macht es bei uns Post Covid Patienten noch schlimmer.
    Auch mir hilft in dieser Situation sehr, dass mein Haushalt mittlerweile relativ minimalistisch ist und ich mit dem Putzen/Aufräumen schnell fertig bin.

    1. Dir ebf. weiter gute Besserung. Es ist ja gut zu hören, dass dir die Reha etwas gebracht hat und man dort offensichtlich über Long COVID auch tatsächlich informiert war. Das war ja in der Vergangenheit nicht immer so und viele berichteten von sehr negativen Erfahrungen.

  7. Moin Gabi,
    so ein Schiet mit dem Longcovid! Ich hatte gehofft, dass es inzwischen besser geht. Tut mir so leid, dass es nicht so ist. Ich wünsche dir weiter gute Besserung!
    Liebe Grüße!

  8. Hallo Gabi, das ist ja gar nicht schön das dich die Nachwehen von Corona immer noch beeinträchtigen. Wie gut, das du dich selbst so gut organisieren kannst und auch so achtsam mit dir selbst bist. Ich habe mich auch die letzte Zeit sehr mit Achtsamkeit beschäftigt, da ich momentan in einer für mich sehr belastenden Situation bin und ich muss sagen es hilft auch mir. Das was du schreibst mit dem Hören hat mich an meinen Vater erinnert. Er war die ca. letzten 15 Jahre seines Lebens schwerhörig und hatte oft genau dieses Problem mit dem ausblenden von Geräuschen.
    Ich wünsche dir weiterhin gute Besserung!

    1. Bzgl. Schwerhörigkeit: Das hat irgendwas mit den Haarzellen im Innenohr zu tun, die nicht mehr richtig funktionieren.

      Ich drücke dir die Daumen, dass die Belastungen bald vorüber ziehen!

  9. Liebe Gabi,
    weiterhin gute Besserung wünsche ich dir, meine Daumen sind gedrückt. Es ist so wichtig, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten und seine Antennen da fein auszurichten.
    Ist es bei dir auch so, dass Longcovid- bzw Postcovid-Beschwerden meist dann auftauchen, wenn mehr Stress ist als gewöhnlich? Das habe ich bei mir so beobachtet. Es geht bergauf, aber bei Überforderung auch mal schnell wieder bergab.
    Es ist eine gute Übung, sich immer wieder auf Positives zu besinnen, und Überflüssiges wegzulassen. Ich bin nicht so minimalistisch wie du und habe nebenher noch zwei komplett unminimalistische Eltern zu betreuen, aber es tut immer wieder gut, für sich selbst zu merken, wie wenig man an sich braucht.
    Liebe Grüße!

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