Funktionsräume und Wohlfühlzonen

Es gibt diese Tage, da würde ich am liebsten nahezu sämtlichen Krempel aus dem Fenster werfen. Es sind diese Tage, an denen ich bemerke, dass mir der relativ wenige Kram irgendwie noch zuviel ist. Vielleicht gibt es einen konkreten Grund, vielleicht bin ich überreizt, vielleicht ist das Wetter schlecht, mich stört aus unerfindlichen Gründen was auch immer oder ich bin einfach nur mit dem berühmten falschen Bein aufgestanden. Es sind genau diese Zeiten, wo ich am liebsten nur noch mit Bett, Tisch, Stuhl und ein paar Kleidungsstücken da sitzen möchte, am liebsten irgendwo mitten im Wald in einer Waldhütte ohne irgendwen und irgendwas drum herum. Kein Klimbim, keine zickendes Schuhwerk, kein Küchenkram, erst Recht keine Küchengeräte, die ohnehin viel frühzeitig in Rente gehen.

Aber natürlich wäre ein solcher Zustand mitten im Wald kompletter Unsinn: Nur ein bisschen Kleidung, ein Bett, kein Schuhwerk und nichts zu essen. Der Waldkauz brächte mir garantiert kein Essen vorbei und läge die Waldhütte dann zumindestens noch im Einzugsbereich eines Pizzadienstes? Würde die Pizza schmecken? Wäre sie nicht eh längst kalt, bis mich der Auslieferungsfahrer endlich gefunden hätte? Und jeden Tag Pizza? Da braucht es wohl ernsthaft bessere Lösungen. Ich habe hin und her überlegt, was ich mit dieser immer wieder nagenden Unzufriedenheit mache.

Die Lösung ist, mein Wohnen nach Wohlfühlzonen und Funktionsräumen einzuteilen. Wohlfühlzonen sind die Bereiche, die ich mag. Funktionsräume, die Bereiche, die einfach nur irgendeinen Zweck erfüllen.

Der minimalistische Wohlfühl-Raum

Im Wohn-/Schlafraum befinde ich mich sozusagen in meinem Wohlfühl-Raum. Er ist – neben meinem Balkon – sowas wie eine minimalistische Oase für mich. Dort ist nur das Nötigste: Bett, Tisch, Stuhl, Lampe, Mini-Kleiderschrank, ein kleines Regal mit dem WLAN-Router (ok, das Kompromissding – es ist hässlich, aber leider nur dort aufstellbar), Tablet und Smartphone, sowie ein paar Büroutensilien verschwinden im Bedarfsfall in den Schreibtisch-Schubladen.

Meine Funktionsräume

Küche und Abstellkammer sind Funktionsräume für mich. Ich weiß, viele Menschen lieben ihre Küche und mögen es, darin zu werkeln. Ich nicht! Ein Kochbereich erfüllt für mich einfach nur eine Funktion. Diese ganzen eher nervigen, aber funktionalen Dinge befinden sich dort. Ein wenig Zeug gibt es noch in Bad und Flur, aber das ist vernachlässigenswert.

Auch ein minimalistischer Haushalt benötigt Dinge, die unter Umständen nicht alle Spaß machen – zumindestens dann, wenn man den gesamten Haushalt  nicht durch andere Menschen und deren Dinge, sowie Dienstleistungen erledigen lassen möchte. Das wäre eh nur ein Verschiebebahnhof. Dann würde ich zwar weniger Dinge besitzen, aber  – gegen Bezahlung – die Dinge und den damit verbundenen Aufwand der anderen Menschen nutzen. Auch das wäre ja umständlicher Aufwand. Wegen jedem Kaffee und jedem Butterbrot erst irgendwo hin laufen, in die Warteschlange stellen – nein danke!

Wohlfühlen durch funktionale Dinge

Ich koche dann doch lieber selbst. Da weiß ich auch, was im Essen drin ist und ich bin zeitlich und räumlich unabhängiger. Es reicht der Weg in die Küche, ich muss nicht erst zum Bäcker oder in den Supermarkt gehen oder gefühlte Ewigkeiten auf irgendeinen Lieferdienst warten. Also nutze ich dann eben einige funktionale Dinge in einem funktionalen Raum. Daher gibt es auch Geschirr, Kochtöpfe, usw. So viel wie nötig, so wenig wie möglich.

Schön, wenn viele Menschen auch solche funktionalen Dinge schön finden. Ich mag auch die schick designten Teile nicht sonderlich. Ich finde sie vorrangig lästig, aber notwendig. Alles, was einen Stecker hat, ist ohnehin immer potentiell entrümpelungsverdächtig bei mir. Gehts auch ohne dieses elektrische Dings? Das spart ja schonmal einiges an Unzufriedenheit ein. Das Zeugs hält heutzutage nicht mehr lange genug. Es schadet meinem Geldbeutel, meinen Nerven und der Umwelt durch noch ein Elektroschrott-Dings mehr. Smarthome – bloß nicht!

In den Funktionsräumen haben die verbliebenen Dinge dann aber dann zumindestens so etwas wie eine Existenzberechtigung. Es sind die Dinge, an denen ich keinerlei Spaß habe, bei denen ich mich aber durchaus um eine Art friedliche Koexistenz bemühen kann. Denn hilfreich sind sie ja und auf diese Weise sorgen sie letztlich doch für mein Wohlbefinden.

28 thoughts on “Funktionsräume und Wohlfühlzonen

  1. Dieses Gefühl, den größten Teil der Einrichtung als belastenden Krempel zu empfinden und am liebsten aus dem Fenster zu schmeißen, kenne ich. Allerdings habe ich irgendwann gemerkt, dass es häufig nicht wirklich um meinen Besitz geht, sondern um ein Anhäufung von äußeren Anforderungen, denen ich ausgesetzt bin. Die Entsorgung von Dingen aus der Wohnung, wäre dann eine Stellvertreter- bzw. Ersatzhandlung. Eigentlich möchte ich die äußeren Anforderungen reduzieren, was ich aber in dem Moment nicht kann. Diese Gefühl zu viel Krempel in der Wohnung zu haben bezieht sich dann ich Wirklichkeit auf zu viele Anforderungen zu haben.

    1. Ich denke auch, dass es da Zusammenhänge gibt – zumindestens sehe ich die bei mir auch. Aber auch die Besitztümer können zu An- und Überforderung werden. Je mehr da ist, desto mehr muss ich mich auch drum kümmern und sei es nur aufräumen und putzen.
      Überlastungen generell zu reduzieren ist ein oftmals sehr langwieriger Prozess. Manchmal gehts nur stückchenweise. Aber es lohnt sich, trotzdem dran zu bleiben.

  2. Unbewusst haben wir auch solche Funktionsräume und Wohlfühloasen. Durch unsere Teil-Selbstversorgung haben wir einiges Zeug mehr als andere. Diese sind hauptsächlich im Garten und im Keller untergebracht. Es hat Jahre gedauert eine Balance zwischen „brauche ich“ und gut funktionierendem „ich finde alles in angenehmer Atmosphäre“ zu finden. Jedes Ding hat SEINEN Platz ist für mich dabei sehr wichtig, sonst entsteht Chaos, der mich an den Rand des Wahnsinnst treibt 😉

  3. Liebe Gabi
    In der modernen zivilisierten, technisierten Welt finden Menschen vielmals nicht mehr den Sinn des Lebens, denn das Leben läuft so neben dem existenziellen Arbeiten, Essen, Schlfen vorbei. Habe kürzlich das Video „Einfach Leben“ angesehen und miterlebt, es handelt im Tessin weit oberhalb eines Dorfes. Das zeigt schön auf, wie der Tag dieser einfach lebenden Menschen durch die tägliche körperlich „harte“ Arbeit und die Versorgung der lebenswichtigen Tiere bestimmt ist. Herzliche Grüsse aus dem Appenzellerland.

    https://youtu.be/h-SI76h_Ze4

    1. Ein Idyll, aber krank werden darf man in entlegenen Gegenden nicht, sonst muss man sich von der Zivilisation ins Hospital fahren/fliegen lassen.

    2. Die Menschen leben ein einfaches aber so wie es aussieht sehr zufriedenes Leben.
      Wenn man so einsam lebt, braucht man wahrscheinlich so viele Dinge um sich herum.
      Die vielen Dinge allein in der Küche würden mich überfordern.
      Ich brauche es überschaubarer um zur Ruhe zu kommen.

      1. Ein einfacher Lebensstil kann in der Tat sehr unterschiedlich aussehen. Die Leute wirken dort zufrieden. Ich würde es körperlich nicht schaffen und es wären mir auch zu viele Reize – wie die vielen sichtbaren Dinge in der Küche, das Gebimmel der Glocken von den Ziegen. Sowas macht mich kirre – die Sache mit der Hochsensiblität. Aber da sind Menschen ja sehr unterschiedlich getaktet. Daher ist es gut, wenn es ganz unterschiedliche Ansätze und Lebensformen gibt.

  4. Hm,ich möchte gerne einWohlgefühl in allen Räumen empfinden wenn ich sie betrete.Dabei spielen Farben, Materialien und Fülle eine Rolle.Auch meine Küche ist für mich ein Wohlfühlraum.Oft sitze ich mit Freunden eher in ihr als im Wohnzimmer. Für alle Räume gilt aber das sie ungemütlich werden wenn sie zu kunterbunt gemixt und vollgestellt sind.So ganz kann ich das leider nicht durchziehen, da ich nicht allein wohne.Soweit ich mich erinnere habe ich immer den Wunsch gehabt das dieWohnung ruhig und alles miteinander harmonisch wirkt.Scheint wohl ne Lebensaufgabe zu sein.😉

    1. Das Wohlfühlen in den eigenen 4 Wänden muss halt auch immer wieder hergestellt werden. Wenn das Wohlfühlen in allen Räumen funktioniert, ist das natürlich der Idealfall und super.

  5. Ich nenn das immer statischen Besitz und flexiblen. Der statische: in meiner Büroschublade oder Handtasche sieht es seit 5 Jahre gleich aus. Da ist immer aufgeräumt und da muss ich mir also keine Gedanken drum machen. Das belastet mich nicht.

    Flexibel ist Küchenkram oder Vorräte z. B. . Da nutze ich wochenlang meine Pfanne nicht und dann wieder regelmäßig. Esse keinen Thunfisch und dann 3 Dosen hintereinander. Oder ich brauche lange den 4. Topf nicht und dann doch, weil einer mit Moorpackung dauerbesetzt ist. Ich glaube, ihr wisst, was ich meine.

    Wenn dich der Küchenkram immer wieder stört, Gabi, wäre ja die Frage, ob du es doch noch mal runterreduzierst? Z. B. nicht mehr Gäste bewirtest mit Selbstgemachtem sondern ein Blech Pizza bestellst. Oder belegte Brötchen für ein Frühstück kaufst? Nur 2 Teller und 2 Bestecke hast? Oder 2 Töpfe? Oder mal probehalber die Sachen wegstellst? Wenn es für dich so viel Freiheit bedeutet, wäre es doch einen Versuch wert.

    Ich würde gerne mein Smartphone abschaffen. Das nervt mich. Und alles aufs Tablet packen. Nur wirds damit auch nicht unkomplizierter. Im Kopf hab ich das mal durchgespielt.

    Sag mal, wie turbo sind diese Ikea Kochplatten? Kein Vergleich mit meiner alten Platte. Bin ich froh, dass ich die getauscht habe.

    1. Hallo Tanja, ich hatte mein altes Tablet entsorgt und sitze jetzt auf meinem Smartphone. Bin nicht glücklich damit. Aber ohne, ich fürchte es geht nicht mehr ?! Was würde passieren, wenn ich mein Smartphone in das Elektrorecycling / Alster/ Toilette oder werfe ? Als Experiment wäre das was. Tagsüber hätte ich dann vermutlich keinen digitalen Zugang mehr.

      1. Ja. Manchmal merkt man es erst hinterher, dass das Weniger nicht das Ideale ist. Hast du auch die vielen E-Scooter bei Köln in den Rhein geworfen?

        1. Die Vorstellung wäre lustig, wenn es nicht Umweltverschmutzung und Vandalismus wäre. Die Dinger sind hier eine Pest, liegen quer auf dem Radweg, im Gebüsch,..

    2. Den Küchenkram runter schrauben: Ja, ist immer wieder Thema. Zur Zeit probiere ich aus, wie viele Schränke ich benötige bzw. nicht benötige. Wo viel Schrank, da schnell viel Kram. Ich liege beim Geschirr derzeit bei je 4, drei zusätzliche Gläser lagern im Keller (die gehen bei mir eh immer mal wieder kaputt, habe ein „umwerfendes“ Wesen). Die belegten Brötchen sind eine klasse Idee. Bei mir gibts, wenn überhaupt, eh nur Brunch. Ich würde die aber aus Kostengründen eher selber belegen. Dann ist anschließend – als angenehmer Nebeneffekt – auch nicht so ein ständiges Geschirrgeklapper, welches mich mit Schwerhörigkeit echt an den Rand bringt.
      Ok, ideal wäre natürlich, die Küche könnte man komplett in der Wand verschwinden lassen. Oder sie löst sich in Luft auf und taucht bei Bedarf wieder auf. 🤣

      Die Ikeaplatten sind Induktion. Induktion ist wirklich turboschnell.

    3. Ohne Smartphone finde ich inzwischen auch schwierig. Durch Corona wird das ja auch nochmal gepuscht. Aber so ein Ding muss ja nicht den ganzen Tag an oder laut geschaltet sein. Zauberwort: Flugzeugmodus, auch prima zu Fuß zu nutzen. Mobiles Internet ist standardmäßig aus, nutze ich nur ganz gezielt. Ich habe einen Discounter-Jahrestarif für 59,95. Internetverbrauch: 218 MB in 13 1/2 Wochen. Früher bin ich auch ohne Smartphone zum Bäcker gegangen, habe mich nicht verlaufen, niemand hat eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Auch beruflich ist mein Standardsatz: Ich antworte immer, aber nicht immer sofort.

      1. Ich filme, wenn ich Behördenbriefe einwerfe. Kann ich nur empfehlen. War mir gerade wieder hilfreich. Beweismaterial von vor einem Jahr. Das Tablet wäre mir zu schwer mitzuschleppen. Wiegt 500g. Das ist Fernseher und Arbeitsgerät. Ich kann zwar den Bildschirm teilen, nehme aber lieber das Smartphone für Recherchezwecke.

        Ich finde, du antwortest immer schnell.

        1. „Einschreiben Einwurf“ kostet etwas extra, aber ist sehr bequem. Ich fahre bis zu 5 km, um Porto zu sparen. Weiter weg, da wiegt für mich die Zeit zu schwer.

        2. Auf die Idee, das zu filmen bin ich auch noch nicht gekommen, kann aber hier oder da offensichtlich Sinn machen. Bei Banken und Versicherungen nehme ich am liebsten die Hardcore-Variante: Einschreiben mit Rückschein.

          Wenn ich hier Blogbeiträge schreibe, dann nie nach irgendeinem bestimmten Zeitablauf, Rhythmus, sondern wenn ich sowohl ein Thema, als auch Zeit habe. Daher habe ich dann meistens auch Zeit, mal kurz was zu beantworten. Ohne eure wunderbaren Kommentare, wäre der Blog hier doch nur die Hälfte wert. Es macht mir schlichtweg also auch einfach Spaß (10-Finger-schnell-tippen kann ich auch).

      2. Ich war heute in der Bücherhalle. Ein Buch hatten wir vorbestellt, dadurch wurden 2€ Gebühr fällig. Überweisen kann man nicht, man muss an einen Automaten in der Bücherhalle. Vorne groß „Luca-App benutzen“ mit QR-Code am Eingang. Funktionierte. Ich hatte das Smartphone nur dabei weil die Internetseite mich vorgewarnt hatte. Die 2€ Gebühr bewirken übrigens eine sofortige Sperre des Ausweises und die App für eBooks sperrt auch sofort alles. „Ihr Büchereiausweis ist abgelaufen“. Boa. Damit das nicht wieder passiert wollte ich weitere 2€ einwerfen. Ist nicht erlaubt, mindestens 10€. Also nur die Schulden bezahlt und gegangen. Luca sagt, ich sei 3 Minuten dagewesen.

        1. Das klingt aber sehr nach gaga… Früher hätten die Angestellten dann einfach gesagt, sie müssen aber ihren Ausweis verlängern, dann das Geld dafür direkt kassiert, die 2€ ebf. – fertig.

          1. Der Ausweis ist ja nicht wirklich abgelaufen, aber die Vormerkung bewirkt diese falsche Holzhammermeldung. Der Angestellten war das sichtlich peinlich.

          2. Verstehe ich das jetzt richtig, dass das in der Bücherei dann auch noch ein Automaten- bzw. Softwarefehler war? Sozusagen programmierter Murks? 😨

  6. Ich kenn diese Unzufriedenheit total gut! Und beim Lesen ist mir aufgefallen, dass ich auch Wohlfühlzonen und Funktionszonen habe 😀 Bad und Wohn/Schlaf/Essbereich sind hier sehr klar, minimalistisch und in warmen Tönen mit Pflanzen gestaltet.
    Küche, Vorratskammer und Flur hingegen sind zwar aufgeräumt, aber da bekomme ich trotzdem manchmal die Kriese. Mit Kids hat man auch Jacken, Schuhe, Tücher, Bücher und Brotdosen unterschiedlichster Ausführung die ich für mich ja niemals verwenden würde! 😀 Und meine Küche ist klein, alt und erfüllt ohne Schnickschnack ihren Zweck. Ich sehe es nicht ein, viel Geld für eine „ideal zu mir passende“ Küche auszugeben, also lebe ich wertschätzend mit ihr. Möglichst pflanzenbasiert, vollwertig und unverarbeitet zu Kochen/Essen hat bei mir Priorität. Da ist mir die Küche nicht so wichtig wie die Lebensmittel für die ich gern etwas mehr Geld ausgebe. Der Wohnbereich muss aber zur Erholung wirklich leicht sauber zu halten sein und zur Entspannung beitragen 🙂

    1. Leicht sauber zu halten ist für mich auch ein wichtiges Kriterium. Lieber Geld für gute Ernährung als für ein schickes Küchengerät, welches ungenutzt herum steht: Ja, geht mir definitiv auch so.

      1. Mit schicken Küchengeräten kann man ja auch leichter Ungesundes machen . Wie wäre es mit einer mit Tefal beschichteten Friteuse mit 3-Liter Fetttank ? :wegduck:

Comments are closed. Der Kommentarbereich ist geschlossen