Wertvoll statt reich

Ständig wird eine neue Themen-Sau durchs Online-Dorf getrieben. Derzeit ist es Frugalismus – die extrem sparsame Lebensweise, um möglichst frühzeitig in Rente zu gehen. Ich verstehe grundsätzlich erstmal jeden, der gut verdient und sich überlegt, entsprechende finanzielle Rücklagen anzusammeln. Das macht in einem gewissen Rahmen ja durchaus auch Sinn. Nur warum wird mitunter so ein Hype daraus gemacht? Und: In welche Aktien wird da investiert? Was ist mit Kinderarbeit? Waffen? Ausbeutung von Mensch und Umwelt? Wie schläft man damit, dass man vielleicht gerade Geld mit Ausbeutung verdient? Was sagt dieser Trend zudem darüber aus, wie unsere Arbeitswelt allgemein geschaffen ist…?

Es gibt außerdem endlos viele Gering- und Durchschnittsverdiener, die weit davon entfernt sind, über so etwas wie größere Rücklagen und frühzeitige Rente nachzudenken. Und ich finde es schon recht fragwürdig, dann zu sagen, diese könnten ja auch andere Berufe ausüben, in denen sie mehr verdienen. Ach ja? Wirklich?

Mal abgesehen davon, dass sich mir ohnehin immer mal wieder die Frage der Lohngerechtigkeit stellt: Ich bin schon froh, dass nicht alle arbeitenden Menschen ihre Berufe wechseln. Beispielsweise, wenn in meinem Badezimmer das WC verstopft ist, dann bin ich schon sehr beruhigt, wenn der (maximal) durchschnittlich verdienende Installateur vorbei kommt und nicht ein hochverdienender Was-auch-immer-Spezialist, der genau davon keine Ahnung hat. Mit einem schön gefüllten ETF-Fond hätte ich genügend Geld, um die Reparatur zu bezahlen, aber der ETF-Fond kommt nicht persönlich mit Werkzeug vorbei und repariert mir den Schaden. Eine Aktie macht dem hingefallenen Kindergartenkind kein Pflaster aufs Knie, tröstet es nicht, liest auch keine Geschichten vor. Die Aktie bestaunt nicht einmal den phantastischen, allerersten Bauklötze-Turm. All solche Dinge übernehmen genau die Menschen, die vielleicht nicht reich, aber dafür um so wertvoller sind. Es gibt viele, unzählige und ungenannte solcher wertvollen Alltagshelden und ich bin wirklich froh, dass es sie gibt.

 

Photo: Jordan Whitt