Minimalismus – Meine Reaktion auf ein Video von Miriam, Yes to less

Eigentlich habe ich gerade noch Urlaub und wollte daher auch hier nichts schreiben, aber als ich das nachfolgende Video von Miriam (Youtube – Yes to less) sah, juckte es mir doch zu sehr in den Fingern. Miriam beschreibt dort ihre Sicht darauf, wo Minimalismus versagt und warum Youtube-Minimalismus so öde ist:

Video: Wo Minimalismus versagt

 

Ja, mir geht es ein wenig ähnlich. Ich finde es grottenlangweilig, wenn ich einen schicken und irgendwie perfekten minimalistischen Lifestyle sehe, gespickt mit irgendwelchem Sponsoring oder Produktvorstellungen. Ok, manche Menschen leben davon. Daher verstehe ich das einerseits durchaus. Aber mir ist es anderseits trotzdem oft zu oberflächlich und ich will bei Minimalismus-Videos kein gesponserten Dingeklimbim sehen, auch keinen nachhaltigen Dingeklimbim. Ich möchte sehen, wie es ohne bzw. mit weniger diese Dinge funktioniert.

Daher danke Miriam, dass du deine Sichtweise so gut auf den Punkt gebracht hast. Da ich keinen Youtube-Account habe, wo ich kommentieren könnte (was auch in der Länge ausufern könnte), hier meine Sicht der Dinge:

 

Meine Sicht auf den Minimalismus

Minimalismus – nie war es wichtiger als jetzt. Ist es ernsthaft „normal“ in Zeiten des Klimawandels während des Urlaubs um die halbe Welt zu fliegen? Das ist so selbstverständlich geworden, dass es mich erschreckt. Ich begreife sowas nicht. Da geht ja schon für die Anreise endlos viel Zeit des persönlichen Jahresurlaubs drauf. Fürs Klima ist eine Bahnreise, die Rad- oder Wandertour sehr viel besser. Christof zeigt seit vielen Jahren, dass man den Urlaub sogar direkt von der eigenen Haustür aus starten kann – zu Fuß! Auch und gerade das verstehe ich unter Minimalismus!

Ich war dieses Jahr übrigens auch nach langer Zeit mal wieder im Urlaub – ok, nicht zu Fuß, sondern per Bahnreise an die Nordsee. Eine kleine Ferienwohnung mit Blick aufs Meer. Keine ewig lange Fahrt, kein Jetlag, einfach nur Erholung.

Blick auf einen Deich und dahinter liegendes Wattenmeer

Schaue ich mir die von Miriam erwähnte Bedürfnispyramide nach Maslow an, so sehe ich im Minimalismus keineswegs nur den Bereich der Selbstverwirklichung bei Minimalist:innnen – zumindestens nicht bei mir.

Einfache Bedürfnishierarchie nach Maslow.svg

Grafik by Philipp Guttmann, SVG by Jüppschehttp://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Maslowsche_Bed%C3%BCrfnispyramide.png, Gemeinfrei, Link

Es geht – zumindestens mir – ganz besonders darum, die grundlegenden physiologischen Bedürfnisse (Wohnen, Essen etc.) und die Bedürfnisse nach Sicherheit zu erfüllen. So etwas ist wichtig. Als Sozialpädagogin bekomme ich seit Jahrzehnten die vielen Kämpfe gerade um diese grundlegenden Ausgangsbedürfnisse mit. Themen wie Kindererziehung, Bildung etc. sind kaum zu bearbeiten, solange nicht Essen, Trinken und Dach über dem Kopf gesichert ist. Wie sollen sich Bildungschancen verbessern, wenn viel zu viel Zeit mit solcher Existenzsicherung drauf geht? All die endlosen Formulare, Anträge, das Dickicht des Behörden-Dschungels, die Suche nach besser bezahlten Arbeitsplätzen (oder überhaupt erstmal Arbeit haben…), es bindet so viel Zeit und Aufmerksamkeit, die anderswo besser genutzt werden könnte. Und nein, das ist kein Thema welches „nur“ die sog. ungelernten Menschen ohne Ausbildung oder Schulabschluss betrifft. Ich habe in meinem Berufsleben schon viele Gehaltsabrechnungen gesehen. Die Gerechtigkeitsschere ist in den letzten Jahrzehnten heftig auseinander gedriftet.

 

Dank Minimalismus ist die vorrangige Erfüllung grundlegender Bedürfnisse für mich selbst zum Glück sehr viel weniger stressig. Mir war dies von Beginn an wichtig. Ich wollte vorrangig Stress und Belastungen reduzieren. Minimalismus hat mir ganz pragmatisch den Einstieg in die berufliche Teilzeit ermöglicht. Ich habe meine Fixkosten reduzieren und optimieren können und mir Wege aus dem Konsum(pf) gebahnt. Bin ich froh, dass ich bei den Gaspreisen nicht eine größere Wohnung beheizen muss. Weniger Krempel bedeutet, weniger Platz in der Wohnung für dieses Zeugs zu benötigen, was sehr praktisch bei dem so teuer gewordenen Wohnraum ist.

Weniger Technik- und Streamingklimbim spart teure Anschaffungs- und Stromkosten. Ein rund 1000€ teures Smartphone und dann noch ständig ein neues Gerät: Nein, nicht mit mir, auch dann nicht, wenn diese Geräte multifunktional einsetzbar sind. Die Resscourcen unseres Planeten sind ebenso begrenzt, wie die Resscourcen meiner Teilzeit-Geldbörse. Für so etwas werde ich mein Geld und selten gewordene Rohstoffe nicht unnötig verplempern. Mit guten und immer noch sehr hochwertigen Gebrauchgeräten bin ich seit Jahren glücklich und zufrieden. Das eingesparte Geld gebe ich lieber für bessere und höherwertigere Lebensmittel aus.

Minimalismus entlastet, nimmt Druck raus. Es ist sehr hilfreich in diesen Tagen, wenn man darin geübt ist, sich auf das wirklich Wesentliche zu konzentrieren. Selbstverwirklichung: Ja, finde ich auch ok. Aber nicht im Sinne, dass ich mit einem perfekt inszenierten Lifestyle glänze, sondern dass ich wirklich ich selbst sein kann – ganz ohne den ganzen Tanz ums goldene (Konsum-)Kalb.

 


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12 thoughts on “Minimalismus – Meine Reaktion auf ein Video von Miriam, Yes to less

  1. Der Knackpunkt bei dem, was sie erhofft, sehe ich darin, dass der Minimalismus (wie anderen Lebenskonzepte) nur individuell sein kann. Überzeugungsarbeit bringt leider nichts. A genuine change must first come from within the individual.
    Wer ist denn die Zielgruppe der von ihr gewünschten Themen? Andere Minimalisten oder die vom Thema unbeleckten „Normalos“?

    Ich wage auch etwas zynisch zu behaupten das Vertreter in Social Media-Plattformen auch immer ihr Zielgruppe vor Augen haben müssen, bei der Content Auswahl. Wer zu breit streut und „verwandte“ Themen wie Politik, Ernährung und Umweltakivismus in einen Pott wirft, muss damit rechnen, Follower zu verlieren, weil z.B. XY zwar gerne bereit ist auf alle Besitz zu verzichten, aber nicht auf Flug/Aufenthalt im Ausland, den er sich mit dem Ersparten leistet.

    1. Nachtrag:

      Was die Bedürfnispyramide betrifft: Da hat Minimalismus ja momentan keine gute Chance in breiteren Bevölkerungskreisen Fuß zu fassen, da horten für drohende Knappheiten dem diametral entgegen steht.

      Was die sozialen Bedürfnisse betrifft, da sähe ich im Prinzip einen möglichen Wendepunkt. Soziale Anerkennung dürfte nicht mehr an Besitz geknüpft sein, damit verliert der seinen Reiz. (Der mit „mein Haus, mein Auto, mein Boot“ kommt, wird mitleidig belächelt. Der Teenie, der „Shopping“ als Hobby hat auch. Hach, was wäre das schön!)

      Nur wenn ich mir die Geschichte der Menschheit und diverser Kulturen ansehe, war Verzicht auf Besitz IMMER nur ein Trend bzw. die Ansicht einer Randgruppe. (religiöser, philosophischer oder subkultureller Art.)

      Die Vertreter einer der GRÖßTEN konsumkritischen Gegenbewegung die Hippies der 60er sind im zunehmenden Alter wieder kritiklose Konsumenten geworden. Im Hinblick darauf frage ich mich, was Minimalisten, die heute eine kleine Gruppe unter vielen sind, was die da bewirken sollten.
      Ich wünsche mir es nicht, aber ich befürchte, das Minimalismus individuell bleiben wird.

      1. Minimalismus ist sicherlich auch ein Gegenpol zu dem extremen Überkonsum der letzten Jahrzehnte. Genau das gefällt mir schonmal sehr gut. – Natürlich: Nicht für jede/n ist Minimalismus etwas und ja, Minimalismus ist vorrangig eine Entscheidung jedes Einzelnen. Mir kommt aber genau da mal wieder ein Zitat von Harald Welzer in den Sinn:
        „Soziale Transformationen sind ungleichzeitig; zunächst werden die sogenannten »first movers« als Spinner betrachtet, dann als Avantgarde, dann als Vorbilder. Man braucht daher keine Mehrheiten um Gesellschaften zu verändern…. Drei bis fünf Prozent der Bevölkerung reichen … um einen tiefgreifenden und nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel in Gang zu setzen.“
        (Harald Welzer, Selbst Denken, Fischer-Verlag, Seite 185)

      2. Im Social-Media-Business wird halt mit Minimalismus Geld verdient. Leere Räume, volle Kassen… Manchen GeldverdienerInnen gelingt die Produktplazierung besser, (im Sinne von weniger störend), manchen schlechter, manches geht einfach nur auf den Keks – aber muss man ja nicht anschauen.

  2. Ich denke, das Problem liegt woanders. Heute wird ein Wort für 2 verschiedene Lebensstile verwendet: „Dinge Minimalist*“ und „Öko(gretel)“. Ein Minimalist muss für mich kein Öko sein. Und ein Öko kein Minimalist. Manche*r ist beides. Oder anders ausgedrückt: Du kannst auch einfach nur Yoga machen. Für manche ändert sich damit aber der ganze Lebensstil: Ernährung. Sie werden Yogalehrer, Veganer, tragen Ökostyle. Bei anderen geht es nicht in die Tiefe. Sie machen einfach nur Yoga. Ich z. B. . Deshalb erwarte ich auch nicht, dass etwas bei Anderen in die Tiefe geht. Versteht ihr, was ich meine?

    1. Oh ja, genau das vergesse ich immer mal wieder. Daher ein guter Hinweis und wichtiger Aspekt! Das eine kann mit dem anderen zutun haben, muss es aber nicht zwangsläufig.

      Manche wollen vielleicht einfach nur die eigene Bude entrümpeln, manche einfach nur genau damit auffallen, andere wollen einen möglichst perfekten und idealen Lifestyle darstellen, einige damit Geld verdienen. Und wieder andere Leute einfach nur das Leben vereinfachen, etc.

  3. Hallo Gabi,
    da kann ich nur zustimmen. Es sollte nicht darum gehen, einen möglichst schicken Lifestyle zu verkaufen sondern sich bewusst zu machen, was es wirklich zum Leben braucht. Dazu gehört auch, sich zu entscheiden, wofür man sein Geld ausgeben will und sich eben auch Gedanken zu machen, wie man mit dem, was man bereits hat, auskommt statt ständig neue Dinge anzuschaffen. Wir leben in einem ungeheuren Luxus, dass wir uns darüber Gedanken machen dürfen. Das vergessen die meisten leider immer wieder. Danke, dass du uns daran erinnerst!
    LG
    Vanessa

  4. Guten Abend,

    das Video und auch der letzte Beitrag (Fertig mit dem Minimalismus) passen zu meinen Gedanken. Mit dem Ausmisten fing es an. In Gang gesetzt hat das eine Spirale oder Kette von Gedanken: Was tun wir unserer Welt eigentlich an? Man hinterfragt/ ich hinterfrage immer mehr. Was auch zu einigem Unglück führt, weil ich diesen ganzen Wahnsinn nicht aufhalten kann. [Nur ein] Bsp.: man freut sich in Sachsen Anhalt – sog. strukturschwache Region – über den Bau einer Computer-Chip-Fabrik. Dass fruchtbarer Boden dafür entzogen wird, wird billigend in Kauf genoimmen. Von Tesla in Brandenburg will ich gar nicht anfangen…

    Bin immer wieder erstaunt, wenn Menschen mit der größten Selbstverständlichekti von ihren Kreuzfahrten, Urlaubsflügen usw. berichten. Durch das Lesen dieser Blogs bewege auch ich mich in einer Bubble. Da dachte ich zw.durch, dass jetzt die meisten umdenken. Und ob man es nun Minimalismus nennt oder nicht: Unser Weg führt uns zwangsläufig dahin mit weniger klarkommen zu müssen. Gut, wenn mensch dann keine überzogenen Ansprüche hat. Schlecht, wenn es immer mehr Menschen am Nötigsten fehlt.

    1. Deine Gedankengänge kann ich wirklich sehr gut nachvollziehen. Man kann leider wirklich nicht selbst alles aufhalten, was an Wahnsinn passiert. Aber immerhin kann man wirklich immer schauen, zumindestens selber mal ein paar Dinge anders zu machen bzw. es wenigstens mal zu probieren.

  5. Moin Gabi,
    erst mal weiter einen schönen Urlaub 🙂
    und ja, solche durchgestylten Minimalismus Wohnräume sind nicht das was den Minimalismus ausmacht. Denn wie ich immer sage: „Ich kaufe mir keinen Minimalsmus, ich lebe Minimalsmus!“
    So hat man dann wirklich etwas davon und merkt wie reduziert und weniger stressig vieles sein kann. Welche kleinen Freiheiten man auch in dieser sehr teuren Zeit, immer noch hat. Dank Minimalsmus, weil man sich aufs wesentliche reduziert hat, in allen Bereichen.
    Liebe Grüße!

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